RtoP in der Diskussion

Schwers­te Men­schen­rechts­ver­bre­chen ver­hü­ten - Die Schutz­ver­ant­wor­tung

(Re­s­pon­si­bi­li­ty to Pro­tect) zwi­schen Not­wen­dig­keit,

Tü­cken und Um­set­zung - Her­aus­for­de­rung für deut­sche Si­cher­heits - und Frie­dens­po­li­tik [1]

 

von Win­fried Nacht­wei, MdB a.D., Müns­ter: Mit­glied im Bei­rat Zi­vi­le Kri­sen­prä­ven­ti­on beim AA (Co-Vor­sit­zen­der), im Vor­stand der Dt. Ge­sell­schaft für die Ver­ein­ten Na­tio­nen und des

Ver­eins „Ge­gen Ver­ges­sen – Für De­mo­kra­tie“

 

 Ju­ni 2012

 

 

 

 

Winfried Nachtwei Mit den Ge­walt­ex­zes­sen von Li­by­en und Sy­ri­en hat die in­ter­na­tio­na­le Ver­ant­wor­tung zum Schutz vor schwers­ten Men­schen­rechts­ver­bre­chen (Völ­ker­mord, Kriegs­ver­bre­chen, eth­ni­sche Säu­be­run­gen, Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit) ei­ne neue Ak­tua­li­tät und Dring­lich­keit be­kom­men.

Grund­sätz­lich gilt: Wo Staa­ten in ih­rer Schutz­ver­ant­wor­tung ge­gen­über der ei­ge­nen Be­völ­ke­rung ver­sa­gen, geht die Schutz­ver­ant­wor­tung auf die In­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft über. Die­se ist an­ge­sichts dro­hen­der oder aku­ter schwers­ter Men­schen­rechts­ver­bre­chen zum Han­deln ver­pflich­tet. Die Art der Maß­nah­men ist ab­hän­gig von der Ge­schlos­sen­heit der In­ter­na­tio­na­len Ge­mein­schaft (vor al­lem im Rah­men der UN) und da­von, was aus­sichts­reich, leist­bar und ver­ant­wort­bar ist. Nicht ver­ant­wort­bar sind Maß­nah­men, die ab­seh­bar das Übel noch ver­grö­ßern wür­den. Dem­entspre­chend be­inhal­tet die in­ter­na­tio­na­le Schutz­ver­pflich­tung auch das Recht auf ei­ne Mi­li­tär­in­ter­ven­ti­on, wenn es der UN-Si­cher­heits­rat be­schlie­ßt, aber kei­nes­wegs ei­ne Ver­pflich­tung da­zu.


US-Prä­si­dent Oba­ma gab am 23. April 2012 bei ei­ner Re­de im US Ho­lo­caust Me­mo­ri­al Mu­se­um in Wa­shing­ton ein um­fas­sen­des, bis­her nicht da­ge­we­se­nes Pro­gramm zur Ver­hü­tung von und zur Re­ak­ti­on auf Mas­sen­ver­bre­chen be­kannt. Was der Prä­si­dent im Au­gust 2011 zu ei­nem „zen­tra­len na­tio­na­len Si­cher­heits­in­ter­es­se und zen­tra­ler mo­ra­li­scher Ver­ant­wor­tung“ der USA er­klärt hat­te, wird jetzt in Struk­tu­ren, Ver­fah­ren und neu­en Fä­hig­kei­ten ope­ra­tio­na­li­siert. Im Mit­tel­punkt steht da­bei ein hoch­ran­gi­ger, res­sort­über­grei­fen­der „Atro­ci­ties Preven­ti­on Board“. (www.​schutz­ver­ant­wor­tung.​de )

Im Som­mer 2012 wird die UN-Ge­ne­ral­ver­samm­lung über die drit­te Säu­le der Schutz­ver­ant­wor­tung  (nach der Pri­mär­ver­ant­wor­tung der Staa­ten für ih­re Be­völ­ke­rung und ih­re in­ter­na­tio­na­le Un­ter­stüt­zung/AS­SIST), das brei­te Spek­trum der RE­ACT-Maß­nah­men de­bat­tie­ren.

In die­sen Wo­chen drän­gen sich in der Bun­des­re­pu­blik hoch­ran­gig be­setz­te und gut be­such­te Ver­an­stal­tun­gen zum The­ma: am 10. Mai von Ge­no­ci­de Alert zu­sam­men mit der „In­ter­na­tio­nal Co­ali­ti­on for the Re­s­pon­si­bi­li­ty to Pro­tect“, am 4.-6. Ju­ni in der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie Loc­cum, am 8. Ju­ni bei der Grü­nen Frak­ti­on im Deut­schen Bun­des­tag, am 25. Ju­ni von DGVN-NRW, OB Bonn und Ge­no­ci­de Alert in Bonn. Mit zwei An­trä­gen von SPD und Bünd­nis 90/Die Grü­nen wird die Schutz­ver­ant­wor­tung erst­ma­lig zu ei­nem in­ten­si­ven De­bat­ten­the­ma im Bun­des­tag. Ins­be­son­de­re der um­fas­sen­de Grü­ne An­trag vom 9. Mai 2012 ist mit sei­ner Dif­fe­ren­ziert­heit ein gro­ßer Schritt nach vorn für die deut­sche De­bat­te. Im Rah­men der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft Frie­den und In­ter­na­tio­na­les von Bünd­nis 90/Die Grü­nen läuft in Vor­be­rei­tung des Par­tei­ta­ges im No­vem­ber seit Mo­na­ten ein in­ten­si­ver und kon­struk­ti­ver Dis­kus­si­ons­pro­zess.

 

 

 

In­halt

(1) Ers­te Be­geg­nun­gen mit der Schutz­ver­ant­wor­tung

(2) His­to­ri­scher Fort­schritt

(3) Zö­ger­li­che Um­set­zung

(4) Über­ra­schen­de Ak­tua­li­sie­rung

(5) Schutz­ver­ant­wor­tung in der Kon­tro­ver­se: Miss­brauchs­ri­si­ko und Kriegs­le­gi­ti­ma­ti­on, Nicht­han­deln als Haupt­pro­blem, man­geln­de Glaub­wür­dig­keit vie­ler Staa­ten, Ver­kür­zung auf Mi­li­tär­in­ter­ven­tio­nen, Ope­ra­tio­na­li­sie­rungs­lü­cke, Mass Atro­ci­ty Re­s­pon­se Ope­ra­ti­ons, Span­nungs­feld Gro­ß­ge­fah­ren­ab­wehr und Ur­sa­chen­be­kämp­fung

(6) Ak­tu­el­le Ent­wick­lun­gen

(7) Deut­sche „Kul­tur der Zu­rück­hal­tung“: Aus Er­fah­rung klü­ger oder Flucht aus der Ver­ant­wor­tung?

(8) Schluss­fol­ge­run­gen

 

 

 

(1) Ers­te Be­geg­nun­gen mit der Schutz­ver­ant­wor­tung


Be­wusst be­geg­ne­te mir der Grund­ge­dan­ke der Schutz­ver­ant­wor­tung erst­ma­lig mit den Krie­gen auf dem Bal­kan: In der ers­ten Hälf­te der 90er Jah­re strit­ten wir mit Frie­dens­be­we­gung, Grü­ner Par­tei und an­de­ren für kon­se­quen­te­re Ge­walt­prä­ven­ti­on, Sank­tio­nen, So­li­da­ri­tät mit der ge­quäl­ten Zi­vil­be­völ­ke­rung. Ge­spal­ten wa­ren wir, ob zum Schutz der Men­schen auch mi­li­tä­risch ein­ge­grif­fen wer­den soll­te. Pa­zi­fis­mus und War­nung vor ei­ner „Mi­li­ta­ri­sie­rung der Au­ßen­po­li­tik“ la­gen im Streit mit dem Vor­rang des Men­schen­rechts­schut­zes, zu­ge­spitzt im Som­mer 1995 nach der Li­qui­die­rung der „Schutz­zo­ne“ Sre­bre­ni­ca und dem Mas­sa­ker an ca. 8000 bos­ni­schen Män­nern und Jun­gen. Erst im Herbst 1996 wur­de uns Teil­neh­mern ei­ner De­le­ga­ti­on von Grü­ner Frak­ti­on und Par­tei­füh­rung am Hang über Sa­ra­je­wo die drei­jäh­ri­ge Be­la­ge­rung und Be­schie­ßung der Stadt und ih­rer Be­völ­ke­rung haut­nah be­wusst – und die eu­ro­päi­sche Ta­ten­lo­sig­keit dem ge­gen­über.

Im Herbst 1998 warn­te UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär Ko­fi An­n­an vor ei­ner dro­hen­den „hu­ma­ni­tä­ren Ka­ta­stro­phe“ im Ko­so­vo und mahn­te, dass staat­li­che Füh­rer die Staats­sou­ve­rä­ni­tät nicht als Schutz­schirm für Men­schen­rechts­ver­bre­chen miss­brau­chen dürf­ten.

Bei der Zu­stim­mung der Bun­des­tags­mehr­heit im Ok­to­ber 1998 zur An­dro­hung von NA­TO-Luft­an­grif­fen ge­gen Ser­bi­en war dann auch das Schutz­mo­tiv aus­schlag­ge­bend: Ver­hin­de­rung „eth­ni­scher Säu­be­run­gen“ und ei­nes „zwei­ten Bos­ni­en“. Über­schat­tet wur­de die­ser Be­schluss durch das Feh­len ei­nes UN-Man­dats, wo­durch der hu­ma­ni­tär mo­ti­vier­te Ein­satz in Wi­der­spruch zum Völ­ker­recht ge­riet. In­dem ein­zel­ne Mi­nis­ter der Bun­des­re­gie­rung den Ko­so­vo­ein­satz mit ei­nem re­gel­rech­ten mo­ra­li­schen „over­kill“ recht­fer­tig­ten und zen­tra­le an­de­re In­ter­es­sen (z.B. Ver­mei­dung gro­ßer Flücht­lings­be­we­gun­gen nach Mit­tel­eu­ro­pa) über­gin­gen, be­ein­träch­tig­ten sie ge­ra­de in skep­ti­schen Tei­len der Öf­fent­lich­keit die Glaub­wür­dig­keit des Ein­sat­zes. Kri­tisch war dann auch die Um­set­zung und Wir­kung des hu­ma­ni­tär be­grün­de­ten Ein­sat­zes: Der auf Luft­streit­kräf­te be­schränk­te NA­TO-Ein­satz konn­te den ser­bi­schen Ver­trei­bungs­t­er­ror am Bo­den zu­nächst nicht stop­pen. Die­ser be­schleu­nig­te sich so­gar. Zwi­schen März und Ju­ni 1999 wa­ren 590.000 Men­schen in­tern und 860.000 ex­tern auf der Flucht, wur­den im Ko­so­vo ca. 10.000 Men­schen ge­tö­tet, der weit­aus grö­ß­te Teil da­von Ko­so­vo­al­ba­ner durch ser­bi­sche Kräf­te. Auf der an­de­ren Sei­te fie­len laut Hu­man Rights Watch ca. 500 ser­bi­sche Zi­vil­per­so­nen NA­TO-Luft­an­grif­fen zum Op­fer.[2]

Wäh­rend die Ge­walt­or­gie auf dem Bal­kan in Deutsch­land ver­spä­tet und ge­spal­ten wahr­ge­nom­men wur­de, fand der Völ­ker­mord in Ru­an­da im Früh­jahr 1994 in der deut­schen Öf­fent­lich­keit und Po­li­tik, auch in der Frie­dens­be­we­gung kaum Be­ach­tung. Dass bin­nen drei Mo­na­ten mehr als 800.000 Men­schen ab­ge­schlach­tet wur­den, dass die In­ter­na­tio­na­le Staa­ten“ge-mein­schaft“ vor­ge­warnt war, dass sie hät­te ein­grei­fen kön­nen, es aber nicht tat, wur­de mir, wur­de uns erst nach­täg­lich be­wusst. Um­so mehr ist Ge­ne­ral a.D. Ro­méo Dal­lai­re aus Ka­na­da zu dan­ken: Er hat das Ver­sa­gen der Staa­ten­ge­mein­schaft beim Völ­ker­mord in Ru­an­da als Kom­man­deur der po­li­tisch „ge­fes­sel­ten“ UN-Blau­hel­me vor Ort schmerz­haft mit­er­lit­ten. Er kämpft seit Jah­ren für die Um­set­zung des „Nie wie­der“ in Tat­kraft.[3]

 

 

(2) His­to­ri­scher Fort­schritt


Als die auf dem Mil­le­ni­ums­gip­fel 2005 ver­sam­mel­ten Staats- und Re­gie­rungs­chefs ein­stim­mig die Re­s­pon­si­bi­li­ty to Pro­tect be­schlos­sen, als UN-Ge­ne­ral­ver­samm­lung und Si­cher­heits­rat dies bil­lig­ten, war das ein gro­ßer Fort­schritt für die Wei­ter­ent­wick­lung von Völ­ker­recht und Men­schen­rech­ten. Bis­her wa­ren die Si­cher­heit der Staa­ten und die Si­cher­heit der Men­schen ge­trenn­te Wel­ten. Jetzt wur­den sie mit­ein­an­der ver­bun­den: Sou­ve­rä­ni­tät als Ver­ant­wor­tung und Ver­pflich­tung der Staa­ten zum Schutz ih­rer Bür­ge­rin­nen und Bür­ger vor Völ­ker­mord, Kriegs­ver­bre­chen, eth­ni­schen Säu­be­run­gen und Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit; der Über­gang der Schutz­ver­ant­wor­tung auf die in­ter­na­tio­na­le Staa­ten­ge­mein­schaft, wenn der je­wei­li­ge Staat nicht in der La­ge oder wil­lens ist, sei­ne Bür­ger vor schlimms­ten Men­schen­rechts­ver­bre­chen zu schüt­zen; die drei­stu­fi­ge Um­set­zung als Re­s­pon­si­bi­li­ty to Prevent, to Re­act und to Re­build. 

Seit 2008 gibt es ei­nen UN-Son­der­be­auf­trag­ten für die Schutz­ver­ant­wor­tung. Der um­fang­rei­che Be­richt des UN-Ge­ne­ral­se­kre­tärs über die Um­set­zung der Schutz­ver­ant­wor­tung vom 12. Ja­nu­ar 2009 be­tont, dass die Schutz­ver­ant­wor­tung fest in den an­er­kann­ten Grund­sät­zen des Völ­ker­rechts ver­an­kert und ei­ne „Norm im Wer­den“ sei.[4] Ent­wi­ckelt wird ei­ne Drei-Säu­len-Stra­te­gie aus der Schutz­ver­ant­wor­tung des Staa­tes, der in­ter­na­tio­na­len Hil­fe und Ka­pa­zi­täts­auf­bau (as­sist), der recht­zei­ti­gen und ent­schie­de­nen Re­ak­ti­on (react). Der An­wen­dungs­be­reich soll­te eng sein (nur die vier Mas­sen­ver­bre­chen), die Maß­nah­men soll­ten tief grei­fen und das ge­sam­te Spek­trum an In­stru­men­ten um­fas­sen, die den Mit­glieds­staa­ten, den UN, re­gio­na­len Or­ga­ni­sa­tio­nen und Ak­teu­ren aus der Zi­vil­ge­sell­schaft zur Ver­fü­gung ste­hen („nar­row but de­ep“).Die Stra­te­gie be­tont den Wert der Prä­ven­ti­on und, wenn die­se ver­sagt, ei­ner früh­zei­ti­gen und fle­xi­blen Re­ak­ti­on.

 


(3) Zö­ger­li­che Um­set­zung


An­ge­sto­ßen durch die von der ka­na­di­schen Re­gie­rung be­ru­fe­ne In­ter­na­tio­nal Com­mis­si­on on In­ter­ven­ti­on and Sta­te Sover­eig­ni­ty (ICISS 2001), auf­ge­nom­men von ei­ner hoch­ran­gi­gen UN-Kom­mis­si­on (2004), be­schlos­sen auf dem glo­ba­len Tref­fen der Staa­ten in New York war die Schutz­ver­ant­wor­tung über Jah­re doch in ers­ter Li­nie ein An­lie­gen von hu­ma­ni­tä­ren und Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen und Ak­ti­vis­ten – in Nord­ame­ri­ka viel mehr als z.B. in Deutsch­land. Ge­for­dert war und ist die Schutz­ver­ant­wor­tung be­son­ders in Afri­ka.

Der 2003 of­fen aus­ge­bro­che­ne Kon­flikt im west­su­da­ne­si­schen Dar­fur war laut UN 2004 die „schlimms­te hu­ma­ni­tä­re Ka­ta­stro­phe in der Welt“. In ei­nem Ge­biet von der an­dert­halb­fa­chen Grö­ße Deutsch­lands und 5 Mio. Ein­woh­nern ka­men bis Früh­jahr 2008 ca. 300.000 Men­schen ums Le­ben, 2,5 Mio. wur­den in die Flucht ge­trie­ben. Die ge­mein­sam von Afri­ka­ni­scher Uni­on und UN ge­stell­te Frie­dens­mis­si­on UN­AMID mit ih­ren 26.000 au­to­ri­sier­ten Sol­da­ten und Po­li­zis­ten wird von den west­li­chen Staa­ten nur äu­ßerst zu­rück­hal­tend un­ter­stützt - von Deutsch­land mit zzt. 8 (!) Sol­da­ten, kei­nen Po­li­zis­ten und kei­nem Zi­vil­per­so­nal.[5]

Ein an­de­res hu­ma­ni­tä­res Ka­ta­stro­phen­ge­biet ist die De­mo­kra­ti­sche Re­pu­blik Con­go (DRC), ins­be­son­de­re der Os­ten, wo Mi­li­zen seit Jah­ren wü­ten: Ei­ne Höl­le auf Er­den ge­ra­de für Frau­en. Im Jahr 2006 be­tei­lig­te sich Deutsch­land für ei­ni­ge Mo­na­te an der EU-Mis­si­on zur Ab­si­che­rung der Prä­si­dent­schafts­wah­len. Be­grün­det wur­de die Mis­si­on mit eu­ro­päi­schem In­ter­es­se an ei­ner fried­li­chen Ent­wick­lung in der DRC und hu­ma­ni­tä­rer Ver­ant­wor­tung für ei­ne kriegs­ge­schun­de­ne Be­völ­ke­rung. Als die Wah­len ei­ni­ger­ma­ßen über die Büh­ne ge­bracht wa­ren, wa­ren die gu­ten Mo­ti­ve schnell ver­ges­sen, schrumpf­te das En­ga­ge­ment der Bun­des­re­gie­rung wie­der zu­rück auf ein­zel­ne gu­te Ent­wick­lungs­vor­ha­ben.[6] Deut­sche Un­ter­stüt­zung für MO­NU­S­CO? Die ins­ge­samt fast 20.000 Sol­da­ten, Po­li­zis­ten und Zi­vi­l­ex­per­ten der Kon­go-Mis­si­on kom­men aus 58 Staa­ten. Die Bun­des­re­pu­blik ist nicht dar­un­ter.

Die­se Mi­ni­mal­un­ter­stüt­zung von UN-Frie­dens­mis­sio­nen durch west­li­che und rei­che Staa­ten ist sym­pto­ma­tisch für die Kluft zwi­schen An­spruch und Wirk­lich­keit in­ter­na­tio­na­ler Frie­dens- und Si­cher­heits­po­li­tik in glo­ba­ler Ver­ant­wor­tung. Ab­so­lu­ten Vor­rang ha­ben wei­ter­hin na­tio­na­le und Bünd­nis­in­ter­es­sen. Ge­gen­über dem ent­grenz­ten „Krieg ge­gen den Ter­ror“ ins­be­son­de­re der USA, dem pri­mär bünd­nis­po­li­tisch mo­ti­vier­ten Af­gha­nis­ta­n­ein­satz und dem Ein­satz zum Schutz stra­te­gisch be­deut­sa­mer See­we­ge am Horn von Afri­ka blieb die Schutz­ver­ant­wor­tung über Jah­re po­li­tisch eher ein „Leicht­ge­wicht“.

 

Ei­ne Ge­wicht­ver­schie­bung mach­te sich zu­erst in den USA im Jahr 2008 vor der Prä­si­dent­schafts­wahl be­merk­bar. Die von Ex-Au­ßen­mi­nis­te­rin Ma­de­lei­ne K. Al­b­right und Ex-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Wil­liam S. Co­hen ge­lei­te­te „Ge­no­ci­de Preven­ti­on Task Force“ leg­te die Stu­die „Preven­ting Ge­no­ci­de – A Blue­print for U.S. Po­li­cy­ma­kers“ vor.[7] Die Au­to­ren be­to­nen, dass Völ­ker­mord und Mas­sen­ver­bre­chen ame­ri­ka­ni­sche Wer­te und In­ter­es­sen be­dro­hen. Ent­wi­ckelt wird ei­ne Com­pre­hen­si­ve Stra­te­gy mit vie­len Op­tio­nen zwi­schen den Ex­tre­men von Nichts­tun oder Ent­sen­dung der Ma­ri­nes. Die kon­kre­ten Emp­feh­lun­gen be­tref­fen die Fel­der Ear­ly Warning, mul­ti­la­te­ra­le Ear­ly Preven­ti­on, prä­ven­ti­ve Di­plo­ma­tie, mi­li­tä­ri­sche Op­tio­nen, Stär­kung in­ter­na­tio­na­ler Nor­men und In­sti­tu­tio­nen. Von vor­ran­gi­ger Be­deu­tung bei der Ver­hü­tung von Völ­ker­mord sei Lea­dership – sei­tens des Prä­si­den­ten, des Con­gress, des ame­ri­ka­ni­schen Vol­kes.

Im Mai 2010 ver­pflich­te­te sich die US-Re­gie­rung in ih­rer Na­tio­na­len Si­cher­heits­stra­te­gie, sich ge­mein­sam mit der In­ter­na­tio­na­len Ge­mein­schaft für die Vor­beu­gung von Mas­sen­ver­bre­chen und Völ­ker­mord ein­zu­set­zen. Im De­zem­ber 2010 ver­ab­schie­de­te der US-Se­nat ein­mü­tig ei­ne von De­mo­kra­ten und Re­pu­bli­ka­nern ge­mein­sam ein­ge­brach­te Re­so­lu­ti­on zur Stär­kung der US-Fä­hig­kei­ten zur Vor­beu­gung von Völ­ker­mord und Mas­sen­ver­bre­chen. Am 4. Au­gust 2011 er­ließ Prä­si­dent Oba­ma ei­ne An­wei­sung zur Ein­rich­tung ei­nes stän­di­gen, res­sort­über­grei­fen­den „Atro­ci­ties Preven­ti­on Board“. Die Vor­beu­gung von Mas­sen­ver­bre­chen und Völ­ker­mord er­klär­te er zu ei­nem zen­tra­len na­tio­na­len Si­cher­heits­in­ter­es­se und ei­ner zen­tra­len mo­ra­li­schen Ver­ant­wor­tung der USA.

 

EU-Mit­glieds­län­der ge­hör­ten 2005 im UN-Zu­sam­men­hang zu den stärks­ten Be­für­wor­tern der Schutz­ver­ant­wor­tung; die EU ver­fügt über die grö­ß­ten und dif­fe­ren­zier­ten Ka­pa­zi­tä­ten zur Um­set­zung der Schutz­ver­ant­wor­tung, ins­be­son­de­re auf der Ebe­ne der Vor­beu­gung und Un­ter­stüt­zung. Ihr man­gelt es aber an po­li­ti­schem Kon­sens und Wil­len, die Schutz­ver­ant­wor­tung für sich aus­zu­for­mu­lie­ren und in die Tat um­zu­set­zen.

Zu­sam­men mit den an­de­ren EU-Staa­ten ge­hör­te Deutsch­land zu den Vor­rei­tern des In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­ho­fes. Im Ju­ni 2002 trat in Deutsch­land das Völ­ker­straf­ge­setz­buch in Kraft. Der 2004 von der Bun­des­re­gie­rung be­schlos­se­ne Ak­ti­ons­plan „Zi­vi­le Kri­sen­prä­ven­ti­on, Kon­flikt­lö­sung und Frie­dens­kon­so­li­die­rung“ er­hob die Stär­kung um­fas­sen­der Ge­walt­prä­ven­ti­on zum Pro­gramm.[8] Der 3. Um­set­zungs­be­richt der Bun­des­re­gie­rung zum Ak­ti­ons­plan vom Ju­ni 2010 äu­ßert sich mit ei­nem Ab­schnitt be­für­wor­tend zur Schutz­ver­ant­wor­tung: Der Be­richt des UN-Ge­ne­ral­se­kre­tärs von 2009 ent­spre­che dem Grund­ge­dan­ken des Ak­ti­ons­plans. Ein be­son­de­rer Hand­lungs- und Ope­ra­tio­na­li­sie­rungs­be­darf wird aber nicht si­gna­li­siert.[9] In den Ver­tei­di­gungs­po­li­ti­schen Richt­li­ni­en der Bun­des­re­pu­blik („Na­tio­na­le In­ter­es­sen wah­ren – In­ter­na­tio­na­le Ver­ant­wor­tung über­neh­men – Si­cher­heit ge­mein­sam ge­stal­ten“) vom 18. Mai 2011 spielt die Schutz­ver­ant­wor­tung kei­ne Rol­le (auch nicht im neu­en NA­TO-Kon­zept vom No­vem­ber 2010). Die En­de 2007 er­schie­ne­ne Stu­die „Die Schutz­ver­ant­wor­tung als Ele­ment des Frie­dens – Emp­feh­lun­gen zu ih­rer Ope­ra­tio­na­li­sie­rung“ von Prof. Sa­bi­ne von Schor­le­mer wur­de wohl von füh­ren­den UN-Ex­per­ten und Di­plo­ma­ten un­ter­zeich­net, fand aber in der po­li­ti­schen Öf­fent­lich­keit nur be­grenz­te Re­so­nanz.[10]

 

 

(4) Über­ra­schen­de Ak­tua­li­sie­rung


Um­so über­ra­schen­der war die Wie­der­be­le­bung der Schutz­ver­ant­wor­tung im Kon­text der li­by­schen Re­vo­lu­ti­on in den ers­ten Mo­na­ten 2011. Mit­te Fe­bru­ar be­gann die Auf­leh­nung ge­gen das Gad­da­fi-Re­gime fried­lich im Nord­os­ten und süd­lich von Tri­po­lis.

Schon am 26. Fe­bru­ar miss­bil­lig­te der UN-Si­cher­heits­rat in der Re­so­lu­ti­on 1970 die „gro­ben und sys­te­ma­ti­schen Ver­let­zun­gen der Men­schen­rech­te ein­schlie­ß­lich der Un­ter­drü­ckung fried­li­cher De­mons­tran­ten“ und die „aus­ge­dehn­ten und sys­te­ma­ti­schen An­grif­fe auf die Zi­vil­be­völ­ke­rung“, die „mög­li­cher­wei­se Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit dar­stel­len“. Der Si­cher­heits­rat be­kräf­tig­te die Schutz­ver­ant­wor­tung der li­by­schen Be­hör­den ge­gen­über der ei­ge­nen Be­völ­ke­rung und for­der­te sie auf, die Men­schen­rech­te und das hu­ma­ni­tä­re Völ­ker­recht zu ach­ten. An Maß­nah­men be­schloss der Si­cher­heits­rat die Über­wei­sung an den In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof, ein Waf­fen­em­bar­go, ein Rei­se­ver­bot für 16 Füh­rungs­per­so­nen des Re­gimes, das Ein­frie­ren von Ver­mö­gens­wer­ten. Am 1. März sus­pen­dier­te die UN-Ge­ne­ral­ver­samm­lung mit Zwei­drit­tel­mehr­heit die Mit­glied­schaft Li­by­ens im Men­schen­rechts­rat – ein in der UN-Ge­schich­te erst­ma­li­ger Be­schluss.

Die UN-Be­schlüs­se blie­ben oh­ne Wir­kung bei ei­nem Re­gime, das of­fen­bar ge­gen Tei­le des ei­ge­nen Vol­kes Krieg führ­te und Stadt für Stadt zu­rück­er­ober­te. Mit­te März stan­den Gad­da­fi-Trup­pen vor Ben­gasi. Füh­rer des Re­gimes hat­ten mit mas­si­ver Ra­che ge­droht. Auf Drän­gen der Ve­to­mäch­te Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich und un­ter­stützt von der Ara­bi­schen Li­ga be­fass­te sich der Si­cher­heits­rat ab 14. März auch mit mi­li­tä­ri­schen Maß­nah­men. Li­ba­non, das zzt. ein­zi­ge ara­bi­sche Land im Si­cher­heits­rat, be­an­trag­te ei­ne Flug­ver­bots­zo­ne.

Am 17. März be­schloss der Si­cher­heits­rat über­ra­schen­der­wei­se ei­ne ver­schärf­te Re­so­lu­ti­on (1973). Die Ve­to­mäch­te Chi­na und Russ­land lie­ßen sie mit ih­rer Ent­hal­tung pas­sie­ren. Der Si­cher­heits­rat wie­der­hol­te sei­ne Ver­ur­tei­lung gro­ber und sys­te­ma­ti­scher Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und sys­te­ma­ti­scher An­grif­fe auf die Zi­vil­be­völ­ke­rung, die „mög­li­cher­wei­se Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit dar­stel­len“ und be­kräf­tigt sei­ne „Ent­schlos­sen­heit, den Schutz der Zi­vil­per­so­nen und der von der Zi­vil­be­völ­ke­rung be­wohn­ten Ge­bie­te so­wie den ra­schen und un­ge­hin­der­ten Durch­lass hu­ma­ni­tä­rer Hil­fe (…) zu ge­währ­leis­ten“. Aus­ge­hend von der Fest­stel­lung, dass die Si­tua­ti­on in Li­by­en ei­ne „Be­dro­hung des Welt­frie­dens und der in­ter­na­tio­na­len Si­cher­heit dar­stellt“, ver­lang­te der Si­cher­heits­rat ei­ne so­for­ti­ge Waf­fen­ru­he, be­ton­te die Not­wen­dig­keit ver­stärk­ter Be­mü­hun­gen zu ei­ner po­li­ti­schen Kon­flikt­lö­sung, er­mäch­tig­te die Mit­glieds­staa­ten zu al­len not­wen­di­gen Maß­nah­men zum Schutz der Zi­vil­be­völ­ke­rung (un­ter Aus­schluss aus­län­di­scher Be­sat­zungs­trup­pen), be­schloss ei­ne Flug­ver­bots­zo­ne und er­mäch­tigt zu al­len not­wen­di­gen Maß­nah­men. Nie zu­vor hat der Si­cher­heits­rat un­ter Be­ru­fung auf die Schutz­ver­ant­wor­tung so weit­rei­chen­de Maß­nah­men be­schlos­sen!

(Kurz spä­ter am 30. März 2011 ver­schaff­te der UN-Si­cher­heits­rat in der Re­so­lu­ti­on 1975 der Schutz­ver­ant­wor­tung in der El­fen­bein­küs­te Gel­tung: Er ver­ur­teil­te die An­grif­fe auf die Zi­vil­be­völ­ke­rung und er­mäch­tig­te UNO­CI und die sie un­ter­stüt­zen­den fran­zö­si­schen Trup­pen, al­le er­for­der­li­chen Maß­nah­men zum Schutz von be­droh­ten Zi­vil­per­so­nen ein­zu­set­zen. Der es­ka­lie­ren­de Bür­ger­krieg wur­de ge­stoppt.)

Be­mer­kens­wert war der kurz­fris­ti­ge Sin­nes­wan­del in der US-Ad­mi­nis­tra­ti­on, in der zu­nächst die In­ter­ven­ti­ons­skep­ti­ker do­mi­nier­ten. Die ZEIT be­rich­te­te, dass vier Frau­en bei Prä­si­dent Oba­ma die mi­li­tä­ri­sche In­ter­ven­ti­on ge­gen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Gates durch­ge­setzt hät­ten: Hil­la­ry Clin­ton, Sa­man­tha Power (Be­ra­te­rin aus dem Na­tio­na­ler Si­cher­heits­rat), UN-Bot­schaf­te­rin Su­san Ri­ce und An­ne-Ma­rie Slaugh­ter (bis vor kur­zem Lei­te­rin des Pla­nungs­stabs im Au­ßen­mi­nis­te­ri­um) ar­gu­men­tier­ten al­le im Sin­ne der Schutz­ver­pflich­tung. Al­le vier wa­ren ge­prägt von den Er­fah­run­gen mit un­ter­las­se­ner Schutz­ver­ant­wor­tung in den 90er Jah­ren – in Ru­an­da, Sre­bre­ni­ca.[11]

Ent­ge­gen­ge­setzt be­mer­kens­wert war die Ent­hal­tung der Bun­des­re­gie­rung im UN-Si­cher­heits­rat. Bei al­ler be­rech­tig­ter Skep­sis ge­gen­über ei­ner Mi­li­tär­in­ter­ven­ti­on wich sie der aku­ten Schutz­ver­ant­wor­tung ge­gen­über der be­droh­ten Be­völ­ke­rung von Ben­gasi aus. Sie ver­wei­ger­te sich da­mit der in­ter­na­tio­na­len Ver­ant­wor­tung im Hier und Jetzt.[12]

Mit der schnel­len In­ter­ven­ti­on von Luft­streit­kräf­ten konn­te das an­ge­kün­dig­te Gro­ß­mas­sa­ker in Ben­gasi ver­hin­dert wer­den. In den Fol­ge­wo­chen wur­de die NA­TO aber de fac­to zur Luft­waf­fe der Re­bel­len. Dies – und die ver­deck­te Aus­bil­dungs­hil­fe für die Re­bel­len – trug we­sent­lich zum Zu­sam­men­bruch des Gad­da­fi-Re­gimes bei. Die ex­ten­si­ve Aus­le­gung und Über­deh­nung des UN-Man­dats durch die in­ter­ve­nie­ren­den Staa­ten, die Ziel­ver­schie­bung von der Gro­ß­ge­fah­ren­ab­wehr zum Re­gime-Chan­ge wur­de aber von Russ­land, Chi­na, der AU und vie­len Staa­ten des Sü­dens als Miss­brauch der Schutz­ver­ant­wor­tung be­wer­tet. So­mit hat­te die Li­by­en-In­ter­ven­ti­on zwie­späl­ti­ge Wir­kun­gen: Der kurz­fris­tig er­folg­rei­chen hu­ma­ni­tä­ren Schutz­wir­kung, dem er­freu­li­chen Sturz ei­nes Ty­ran­nen stand ge­gen­über die mit­tel­fris­ti­ge Dis­kre­di­tie­rung und Be­schä­di­gung der Schutz­ver­ant­wor­tung in den Au­gen zen­tra­ler in­ter­na­tio­na­ler Ak­teu­re. Die in­ter­na­tio­na­le Ver­trau­ens­kri­se der Schutz­ver­ant­wor­tung zeig­te sich schmerz­haft ge­gen­über der Ge­walt­es­ka­la­ti­on in Sy­ri­en: Lan­ge ver­wei­ger­ten Chi­na und Russ­land im UN-Si­cher­heits­rat je­de po­li­ti­sche Ver­ur­tei­lung des As­sad-Re­gimes.

 

 

(5) Schutz­ver­ant­wor­tung in der Kon­tro­ver­se


(a) Miss­brauchs­ri­si­ko und Kriegs­le­gi­ti­ma­ti­on: Der häu­figs­te Ein­wand ge­gen die Schutz­ver­ant­wor­tung ver­weist auf die Miss­brauchs­ge­fahr als Tür­öff­ner für Mi­li­tär­in­ter­ven­tio­nen. Die­ser Grund­ver­dacht ist wahr­lich nicht un­be­grün­det. Zahl­reich sind die Fäl­le in Ge­schich­te und Ge­gen­wart, wo Mi­li­tär­in­ter­ven­tio­nen und An­griffs­krie­ge hu­ma­ni­tär und mo­ra­lisch be­grün­det wur­den. Der Irak­krieg ist da noch in fri­scher Er­in­ne­rung. „Zi­vi­li­sa­to­ri­sche Mis­si­on“ war ein Leit­mo­tiv der Ko­lo­ni­al­pro­pa­gan­da des 20. Jahr­hun­derts, „Schutz­trup­pen“ hie­ßen die deut­schen Ko­lo­ni­al­trup­pen, die in Deutsch-Süd­west­afri­ka ei­nen Ver­nich­tungs­krieg ge­gen die ein­hei­mi­schen He­re­ro führ­ten. Bis heu­te wer­den die Men­schen­rech­te im­mer wie­der für Macht­in­ter­es­sen in­stru­men­ta­li­siert. Die Miss­brauchs­ge­fahr ver­pflich­tet zu ideo­lo­gie­kri­ti­scher Wach­sam­keit. Sie än­dert aber nichts an der Not­wen­dig­keit des Men­schen­rechts­schut­zes – ggfs. bis zum Ein­satz rechts­staat­li­cher Ge­walt zum Schutz vor il­le­ga­ler Ge­walt.[13] 

Fun­da­men­ta­le und pau­scha­le Ab­leh­nung fin­det die Schutz­ver­ant­wor­tung in Stel­lung­nah­men

der aus der Frie­dens­be­we­gung ent­stan­de­nen In­for­ma­ti­ons­stel­le Mi­li­ta­ri­sie­rung in Tü­bin­gen (IMI). Ge­warnt wird, die Schutz­ver­ant­wor­tung dro­he zu ei­ner „sehr ernst zu neh­men­den Le­gi­ti­ma­ti­ons­fi­gur für Kriegs­ein­sät­ze zu wer­den, die ih­re Durch­führ­bar­keit er­heb­lich er­leich­tert.“[14] Die IMI-Ana­ly­sen brin­gen man­che hilf­rei­che kri­ti­sche Ein­bli­cke. Ih­re Über­zeu­gungs­kraft wird aber da­durch stark be­ein­träch­tigt, dass Sie die rea­le Her­aus­for­de­rung von Mas­sen­ver­bre­chen sys­te­ma­tisch aus­klam­mern und Be­für­wor­tern der Schutz­ver­ant­wor­tung pau­schal Kriegs­wil­lig­keit un­ter­stel­len. Das flei­ßi­ge Quel­len­stu­di­um der Au­to­ren kann nicht ver­ber­gen, dass sie rea­len UN-Mis­sio­nen kaum bis gar nicht be­geg­net sein kön­nen. An­ders ist das ab­we­gi­ge – und dif­fa­ma­to­ri­sche - Ur­teil „Peace­ke­eping ist Krieg[15] nicht zu er­klä­ren.

 

(b) Nicht­han­deln/Un­zu­rei­chen­des Han­deln als Haupt­pro­blem: Be­zo­gen auf die vier Haupt­tat­be­stän­de der Schutz­ver­ant­wor­tung war über die Jahr­zehn­te nicht der Miss­brauch das Pro­blem, son­dern das NICHT­HAN­DELN.[16] Und die­ses NICHT­HAN­DELN be­schränk­te sich nicht auf die be­kann­tes­ten Fäl­le Ru­an­da und Sre­breni­za.

WEG­SE­HEN und NICHT­HAN­DELN wur­de ex­ten­siv prak­ti­ziert ge­gen­über der Ter­ror­herr­schaft und Ver­nich­tungs­po­li­tik der Na­zis. Ein frü­hes Zeug­nis ist der Rück­tritts­brief des „Ho­hen Kom­mis­sars für Flücht­lin­ge (jü­di­sche und an­de­re) aus Deutsch­land“, Ja­mes Mc­Do­nald, an den Ge­ne­ral­se­kre­tär des Völ­ker­bun­des vom 27. De­zem­ber 1935: Aus­ge­hend von ei­ner um­fas­sen­den Ana­ly­se der NS-Maß­nah­men ge­gen „Nich­ta­ri­er“ und ih­rer Ver­trei­bungs­wir­kung warn­te er, dass in­ner­halb der deut­schen Gren­zen ei­ne noch schreck­li­che­re hu­ma­ni­tä­re Ka­ta­stro­phe un­ver­meid­lich sei, wenn die ge­gen­wär­ti­gen Ten­den­zen im Reich nicht ge­zähmt und rück­gän­gig wür­den. Der Schutz der In­di­vi­du­en vor ras­si­scher und re­li­giö­ser In­to­le­ranz sei ei­ne le­bens­wich­ti­ge Vor­aus­set­zung von in­ter­na­tio­na­lem Frie­den und Si­cher­heit. Es sei die Auf­ga­be des Völ­ker­bun­des, das Pro­blem an der Wur­zel zu pa­cken, um ei­ne Ka­ta­stro­phe zu ver­hin­dern. Der dra­ma­ti­sche Ap­pell blieb un­er­hört. Sie­ben Jahr spä­ter be­such­te Jan Kar­ski, als Ku­rier der pol­ni­schen Un­ter­grund­be­we­gung im Ok­to­ber 1942 zwei­mal das War­schau­er Ghet­to und dann das Ver­nich­tungs­la­ger Bel­zec. Mit sei­nem mi­nu­tiö­sen Ge­dächt­nis hat er an­schlie­ßend in Lon­don und Wa­shing­ton „den Gro­ßen die­ser Welt ent­hüllt, was die Welt nicht wis­sen woll­te“ (Jor­ge Sem­prun) – die Ver­nich­tung der Ju­den. Sein er­schüt­tern­des Zeug­nis er­schien 1944 als „Be­richt an die Welt“.[17].

In der Volks­re­pu­blik Chi­na kos­te­te der „Gro­ße Sprung nach vorn“ in den Jah­ren 1958-1965 ca. 45 Mio. Men­schen das Le­ben. Un­ter den Ro­ten Khmer wur­den 1975-1978 in Kam­bo­dscha 1,7 bis 2,2 Mio. Men­schen durch Zwangs­ar­beit und in To­des­la­gern er­mor­det, dar­un­ter fast die gan­ze in­tel­lek­tu­el­le Eli­te. Ich ge­hör­te in den 70er Jah­ren zu den „an­ti­im­pe­ria­lis­tisch“  ori­en­tier­ten „Ge­nos­sen“, die die­se Mas­sen­mor­de lan­ge nicht wahr­ha­ben woll­ten und sie leug­ne­ten.

Mein Ein­druck ist, dass die um­strit­te­nen Mi­li­tär­in­ter­ven­tio­nen wie Ko­so­vo und Af­gha­nis­tan un­ver­gleich­lich mehr Em­pö­rung her­vor­ge­ru­fen ha­ben und im kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis haf­ten ge­blie­ben sind als die Fäl­le mög­li­cher, aber un­ter­las­se­ner in­ter­na­tio­na­ler Hil­fe­leis­tun­gen. Dass Ak­teu­re in po­li­ti­scher Ver­ant­wor­tung durch Nicht­han­deln min­des­tens ge­nau­so schul­dig wer­den kön­nen wie durch feh­ler­haf­tes Han­deln, ist viel zu we­nig be­wusst.

 

(c) Man­geln­de Glaub­wür­dig­keit vie­ler Staa­ten, ja der Staa­ten­ge­mein­schaft wird zu­recht im­mer wie­der an­ge­pran­gert, wo sie je nach Op­por­tu­ni­tät und In­ter­es­sen se­lek­tiv mit Men­schen­rech­ten und Schutz­ver­ant­wor­tung um­ge­hen und dop­pel­te Stan­dards prak­ti­zie­ren. Das wi­der­spricht der Un­teil­bar­keit der Men­schen­rech­te. (An­ders ge­la­gert sind Fäl­le, wo ein Ein­grei­fen nicht leist­bar und nicht aus­sichts­reich ist, ja die La­ge ab­seh­bar ver­schlim­mern wür­de.)  Sol­che re­al­po­li­ti­schen Be­schrän­kun­gen sind aber kein Grund, Not­hil­fe auch da zu ver­wei­gern, wo sie durch Ei­gen­in­ter­es­sen be­för­dert und wo sie mög­lich ist.

Ver­brei­tet ist der Vor­be­halt, die Schutz­ver­ant­wor­tung sei ei­ne „west­li­che Norm“, Aus­druck west­li­cher Be­vor­mun­dungs­ver­su­che. So rich­tig und not­wen­dig die Re­spek­tie­rung un­ter­schied­li­cher Kul­tu­ren und Wert­vor­stel­lun­gen ist. So falsch ist die­se, vor al­lem von au­to­ri­tä­ren Macht­ha­bern vor­ge­brach­te Re­la­ti­vie­rung fun­da­men­ta­ler Men­schen­rech­te. Es gibt kei­ne Ge­mein­schaft, Ge­sell­schaft, Kul­tur oder Re­li­gi­on, die Völ­ker­mord und an­de­re Mas­sen­ver­bre­chen öf­fent­lich und of­fi­zi­ell als ak­zep­ta­bel wer­ten wür­de. Die Afri­ka­ni­sche Uni­on ist die ein­zi­ge Or­ga­ni­sa­ti­on, die über die Ach­tung der na­tio­na­len Sou­ve­rä­ni­tät, der fried­li­chen Kon­flikt­lö­sung, des Ge­walt­ver­bo­tes hin­aus auch die Schutz­ver­ant­wor­tung, so­gar ein aus­drück­li­ches In­ter­ven­ti­ons­recht durch Be­schluss der Voll­ver­samm­lung der Staats­chefs (Art. 4h) in ih­re Grün­dungs­ak­te auf­nahm – schon im Jahr 2000!

 

(d) Fi­xie­rung auf Mi­li­tär­in­ter­ven­tio­nen, Prä­ven­ti­on und nicht­mi­li­tä­ri­sche Maß­nah­men im Wahr­neh­mungs­schat­ten: In der öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on wird die Schutz­ver­ant­wor­tung und die Säu­le des Re­act oft re­du­ziert auf die Streit­fra­ge Mi­li­tär­in­ter­ven­tio­nen. Der ge­for­der­te Vor­rang der Prä­ven­ti­on wird meist über­gan­gen. Die Hand­lungs­op­tio­nen wer­den auf ei­nen ver­meint­li­chen Dua­lis­mus ta­ten­lo­ses Zu­se­hen vs. Han­deln = In­ter­ve­nie­ren ver­kürzt. Die Kom­ple­xi­tät von Kon­flik­ten schrumpft oft auf ein Schwarz-Weiß der Kon­flikt­par­tei­en, von Gut und Bö­se. Die zen­tra­le Rol­le von Pro­pa­gan­da­krieg in sol­chen Kon­flik­ten fin­det zu we­nig Be­ach­tung.

Die Macht der Bil­der: Wo kei­ne Bil­der sind, gibt es auch (fast) kei­ne Nach­richt! In der Bild­be­richt­er­stat­tung do­mi­nie­ren die Es­ka­la­ti­ons­pha­sen von Kon­flik­ten mit Ge­walt und Kampf. Die Prä­ven­ti­ons- und Lö­sungs­pha­sen von Kon­flik­ten, zi­vi­ler Wi­der­stand und Kon­flikt­be­ar­bei­tung blei­ben über­wie­gend im Auf­merk­sam­keits­schat­ten.[18] In der taz vom 15. Ju­ni 2012 be­schrieb Eli­as Pe­r­abo, Mit­be­grün­der des Pro­jekts „Ad­opt a Re­vo­lu­ti­on“, wie breit in Sy­ri­en nach 15 Mo­na­ten Pro­tes­ten in­zwi­schen der zi­vi­le Wi­der­stand ist und dass es sehr wohl Mög­lich­kei­ten wirk­sa­mer Un­ter­stüt­zung gibt: „Hin­se­hen statt zu­se­hen“. Laut Ka­pi­tel VI der UN-Char­ta sind Vor­beu­ge­maß­nah­men ins­be­son­de­re prä­ven­ti­ve Di­plo­ma­tie, Son­der­ge­sand­te, Ver­mitt­lung, po­li­ti­sche und Un­ter­su­chungs­mis­sio­nen. Mi­li­tär­be­ob­ach­ter, vor­beu­gen­de Sta­tio­nie­run­gen von UN-Blau­hel­men (z.B. 1995-1999 in Ma­ze­do­ni­en) kön­nen eben­falls zur Ge­walt­vor­beu­gung bei­tra­gen.

Die mi­li­tär­las­ti­ge Wahr­neh­mung geht oft mit ei­ner ge­ra­de in mi­li­tär­fer­nen Krei­sen ver­brei­te­ten re­gel­rech­ten Mi­li­tär­gläu­big­keit ein­her, mit Mi­li­tär ei­nen Kon­flikt­kno­ten durch­schla­gen zu kön­nen. Ge­för­dert wird sie auch durch die all­ge­mei­ne Sicht­bar­keit von Mi­li­tär (und die „Un­sicht­bar­keit“ von Kri­sen­prä­ven­ti­on), schlie­ß­lich sei­ne schnel­le Ver­füg­bar­keit. Wo Mi­li­tär im Un­ter­schied zu an­de­ren In­stru­men­ten mit brei­ten Fä­hig­kei­ten am schnells­ten ver­füg­bar ist, ge­rät es im­mer wie­der in die Rol­le ei­nes Po­li­ti­ker­sat­zes.

Un­ter dem Ti­tel „Wir wol­len euch doch nur ret­ten“ schil­dert“ An­drea Böhm[19] an den Bei­spie­len „Ko­ny 2012“ (Ugan­da) und Ge­or­ge Cloo­ney (Su­dan), wie ein „whi­te sa­vi­or in­dus­tri­al com­plex“ (so der ni­ge­ria­nisch-ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler Te­ju Co­le) vor ei­nem Mil­lio­nen­pu­bli­kum die Schutz­ver­ant­wor­tung ver­ein­facht und In­ter­ven­ti­ons­druck auf­baut. Laut Co­le ge­he es bei sol­chen Me­di­en­kam­pa­gnen „nicht um Ge­rech­tig­keit, son­dern um ei­nen emo­tio­na­len Kick“ und „po­li­ti­sche Er­satz­hand­lung“.

 

(e) Ope­ra­tio­na­li­sie­rungs­lü­cke: Gu­te Ab­sicht al­lein reicht nicht!

Das fängt an bei der mit­tel­fris­ti­gen und struk­tu­rel­len Kri­sen­prä­ven­ti­on und dem Ver­zicht auf kon­tra­pro­duk­ti­ve Po­li­ti­ken und Ak­ti­vi­tä­ten („Do no harm“). Ge­ra­de un­ge­hemm­te Rüs­tungs­ex­por­te wir­ken im­mer wie­der als re­gel­rech­te Brand­be­schleu­ni­ger. Klein­waf­fen sind die Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen heu­ti­ger Ge­walt­kon­flik­te. Die Kon­trol­le und Ver­nich­tung von Klein­waf­fen und leich­ten Waf­fen spielt bei der Ge­walt­prä­ven­ti­on und Sta­bi­li­sie­rung ei­ne zen­tra­le Rol­le, zu­sam­men mit Pro­gram­men der De­mi­li­ta­ri­sie­rung, De­mo­bi­li­sie­rung und Re­inte­gra­ti­on. Auf der Ebe­ne der ope­ra­ti­ven Kri­sen­prä­ven­ti­on fehlt es an in­ter­na­tio­na­len und in­te­grier­ten Früh­warn- und Früh­ak­ti­vie­rungs­sys­te­men zu schwers­ten Men­schen­rechts­ver­bre­chen und Völ­ker­mord.[20] Im Un­ter­schied zu den Na­tio­nal­staa­ten ver­fü­gen die Ver­ein­ten Na­tio­nen au­ßer­halb ih­rer Mis­si­ons­ge­bie­te über kei­ne „Au­gen und Oh­ren“ der Früh­er­ken­nung. Trotz ei­ni­ger Fort­schrit­te seit En­de der 90er Jah­re ist der Rück­stand an Fä­hig­kei­ten und Ka­pa­zi­tä­ten der zi­vi­len Kri­sen­prä­ven­ti­on und Un­ter­stüt­zungs­kräf­ten wei­ter­hin er­heb­lich. Ei­ne neue Stu­die des „Hu­ma­ni­ta­ri­an Prac­tise Net­work“ zum Schutz der lo­ka­len Be­völ­ke­rung vor Ge­walt und Na­tur­ka­ta­stro­phen kommt für die in­ter­na­tio­na­le hu­ma­ni­tä­re Hil­fe zu sehr kri­ti­schen Er­geb­nis­sen.[21]

Har­vard-Pro­fes­so­rin Sa­rah Sa­well und Ex-Ge­ne­ral An­t­ho­ny Zin­ni kri­ti­sier­ten, dass es auf mi­li­tä­ri­scher Sei­te kei­ne Dok­tri­nen für Ope­ra­tio­nen zur Be­en­di­gung von Mas­sen­ver­bre­chen, ja ei­ne „All­er­gie von Mi­li­tärs ge­gen­über Pla­nun­gen für den Schutz von Zi­vi­lis­ten“ ge­be.[22] Dies be­stä­tigt der ehe­ma­li­ge UN-Un­ter­ge­ne­ral­se­kre­tär für Frie­dens­si­che­rungs­ein­sät­ze, Alain Le Roy: „Kei­ne Ar­mee der Welt ist da­für aus­ge­bil­det, Zi­vi­lis­ten zu schüt­zen“.[23]

 

(f) „Mass Atro­ci­ty Re­s­pon­se Ope­ra­ti­ons“ (MA­RO)- Kri­te­ri­en für mi­li­tä­ri­sche Re­act-Maß­nah­men: Ne­ben di­plo­ma­ti­schen hu­ma­ni­tä­ren und an­de­ren fried­li­chen Mit­teln kann der UN-Si­cher­heits­rat in Zu­sam­men­ar­beit mit den zu­stän­di­gen Re­gio­nal­or­ga­ni­sa­tio­nen auch Zwangs­maß­nah­men über Sank­tio­nen bis zum Ein­satz mi­li­tä­ri­scher Zwangs­maß­nah­men be­schlie­ßen. Die­se sind das äu­ßers­te Mit­tel.

Für das Ob mi­li­tä­ri­scher Zwangs­maß­nah­men sind Ori­en­tie­rungs­punk­te die fünf Ent­schei­dungs­kri­te­ri­en des ICISS-Be­richts, die aber nicht im Gip­fel­do­ku­ment von 2005 über­nom­me­nen wur­den: „Ernst der Be­dro­hung“, „Red­lich­keit der Mo­ti­ve“, „An­wen­dung als letz­tes Mit­tel“, „Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der Mit­tel“, „An­ge­mes­sen­heit der Fol­gen“.[24] Sehr hilf­reich ist in die­sem Kon­text die Ma­gis­ter­ar­beit von Da­ni­el Pe­ters von der Uni Je­na: „Die Re­s­pon­si­bi­li­ty to Pro­tect als Maß­stab im Um­gang mit schwers­ten Men­schen­rechts­ver­bre­chen – Ei­ne Ope­ra­tio­na­li­sie­rung und Pro­ble­ma­ti­sie­rung der ICISS-Kri­te­ri­en für ei­ne mi­li­tä­ri­sche In­ter­ven­ti­on in in­ner­staat­li­chen Kon­flik­ten“ (Au­gust 2011, Erst­gut­ach­ter Prof. Ma­nu­el Fröh­lich).

Die dif­fe­ren­zier­tes­ten Kri­te­ri­en für Kri­sen- und Mi­li­tär­ein­sät­ze ha­ben in Deutsch­land bis­her Bünd­nis 90/Die Grü­nen mit dem Ab­schluss­be­richt ih­rer Frie­dens- und Si­cher­heits­po­li­ti­schen Kom­mis­si­on 2008 vor­ge­legt. Im Kon­text der grün­in­ter­nen RtoP-De­bat­te ha­be ich die­se Kri­te­ri­en, die nicht als Check­lis­te, son­dern als Ori­en­tie­rungs­hil­fe zu ver­ste­hen sind, wei­ter­ent­wi­ckelt. An ers­ter Stel­le steht da­bei „stra­te­gi­sche Klar­heit und Nüch­tern­heit“ auf Grund­la­ge ei­ner sorg­fäl­ti­gen Kon­flik­t­ana­ly­se.[25] Nach al­ler Er­fah­rung mit in­ter­na­tio­na­len Frie­dens­ein­sät­zen be­tont Win­rich Küh­ne, Grün­dungs­di­rek­tor des Zen­trum In­ter­na­tio­na­le Frie­dens­ein­sät­ze (ZIF) in Ber­lin und Peace­ke­eping-Ex­per­te, ins­be­son­de­re ei­ne „Ver­ant­wor­tung zur Wirk­sam­keit – und kein Cha­os an­zu­rich­ten“.

Das Wie mi­li­tä­ri­scher Ope­ra­tio­nen zum Schutz be­droh­ter Be­völ­ke­rungs­grup­pen muss aus­ge­hen von den Be­son­der­hei­ten sol­cher Sze­na­ri­en. Vor­stel­lun­gen, Mi­li­tär­ope­ra­tio­nen ge­gen Mas­sen­ver­bre­chen sei­en so was wie Gei­sel­be­frei­ung im gro­ßen Stil, zeit­lich und räum­lich klar be­grenz­bar, füh­ren in die Ir­re! Durch Luft­waf­fen­ein­sät­ze kön­nen be­droh­te Be­völ­ke­rungs­grup­pen nur be­grenzt ge­schützt wer­den. (Im Ko­so­vo nahm un­ter den NA­TO-Luft­an­grif­fen 1999 der ser­bi­sche Ver­trei­bungs­t­er­ror erst rich­tig Fahrt auf.) Die Ri­si­ken ei­ner Ent­gren­zung des Ein­sat­zes, von mis­si­on creep sind er­heb­lich. Und wo ein Staat nicht nur in sei­ner Schutz­ver­ant­wor­tung ver­sagt, son­dern selbst Ver­ur­sa­cher und Tä­ter von schwers­ten Men­schen­rechts­ver­bre­chen ist, da kann ei­ne In­ter­ven­ti­on zur Gro­ß­ge­fah­ren­ab­wehr schnell in Rich­tung Re­gime Chan­ge es­ka­lie­ren und da­nach in ei­nen Sta­bi­li­sie­rungs­ein­satz mün­den.

Ei­ne enor­me Kluft be­steht zwi­schen den Er­war­tun­gen, die in ei­ne Mi­li­tär­in­ter­ven­ti­on „zum Schutz“ ge­setzt wer­den, und der rea­len Nicht­vor­be­rei­tung von Streit­kräf­ten auf ei­nen sol­chen Auf­trag. Vor die­sem Hin­ter­grund ist das im Mai 2010 er­schie­ne­ne „Mass Atro­ci­ty Re­s­pon­se Ope­ra­ti­ons / MA­RO Mi­li­ta­ry Plan­ning Hand­book“, her­aus­ge­ben vom CARR CEN­TER for Hu­man Rights an der Har­vard Ken­ne­dy School und dem US Ar­my Peace­ke­eping and Sta­bi­li­ty Ope­ra­ti­ons In­sti­tu­te von be­son­de­rer Be­deu­tung.[26]

Aus­gangs­the­se des Hand­bu­ches ist, dass Mas­sen­ver­bre­chen und Mis­sio­nen zu ih­rer Ver­hin­de­rung ein­zig­ar­ti­ge ope­ra­tio­nel­le Her­aus­for­de­run­gen mit sich brin­gen, die der sorg­fäl­ti­gen Vor­be­rei­tung und Pla­nung be­dür­fen. We­sent­li­che Merk­ma­le ei­nes MA­RO-Kon­tex­tes sind: kom­ple­xe Viel­par­tei­en-Dy­na­mi­ken; Il­lu­si­on von Un­par­tei­lich­keit; ein­zig­ar­ti­ge Es­ka­la­ti­ons­dy­na­mik. Zu den zen­tra­len ope­ra­tio­nel­len und po­li­ti­schen Im­pli­ka­tio­nen ge­hört die kri­ti­sche Rol­le ver­schie­de­ner In­for­ma­tio­nen von An­fang an, frü­he In­ter­agen­cy-Pla­nung, Ge­schwin­dig­keit vs. Mas­se, die Macht der Zeu­gen­schaft (high-tech und low-tech), Vor­ge­hen ge­gen Sym­pto­me oder Kon­flik­tur­sa­chen, so­for­ti­ge nicht­mi­li­tä­ri­sche An­for­de­run­gen, mo­ra­li­sche Di­lem­ma­ta, po­li­ti­sche Füh­rung. Er­gän­zend zu di­plo­ma­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und In­for­ma­ti­ons­maß­nah­men sol­len Mi­li­ta­ry Fle­xi­ble De­ter­rent Op­ti­ons (FDOs) vor­beu­gend wir­ken. Bleibt die Kri­sen­be­wäl­ti­gung er­folg­los, stellt sich die Fra­ge ei­ner um­fas­sen­den MA­RO-In­ter­ven­ti­on. Hier­bei wer­den fol­gen­de An­sät­ze un­ter­schie­den: Sa­tu­ra­ti­on; „Oil Spot“; Se­pa­ra­ti­on; Safe Are­as; Part­ner En­ab­ling; Con­tain­ment; De­feat Per­pe­tra­tors.

 

(g) Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen kurz­fris­ti­ger Gro­ß­ge­fah­ren­ab­wehr und der Be­kämp­fung der Kon­flik­tur­sa­chen (mit­tel- bis län­ger­fris­ti­gen Prä­ven­ti­on): Wäh­rend sich Re­gie­run­gen oft auf kurz­fris­ti­ges Agie­ren kon­zen­trie­ren und da­bei im­mer wie­der bei Sym­ptom­be­hand­lung lan­den, ha­ben ent­wick­lungs­po­li­ti­sche und zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Ak­teu­re ih­ren Schwer­punkt oft eher bei der Be­ar­bei­tung von Kon­flik­tur­sa­chen, wo aber die Wirk­zu­sam­men­hän­ge kom­plex und schwer fass­bar sind. In der po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung wer­den Ge­fah­ren­ab­wehr und Ur­sa­chen­be­kämp­fung im­mer wie­der ge­gen­ein­an­der ge­stellt, ob­wohl sie zu­sam­men an­ge­gan­gen wer­den müs­sen – mit den mög­li­chen Wi­der­sprü­chen und Di­lem­ma­ta im kon­kre­ten Fall. Rea­lis­ti­scher­wei­se ist da­bei zu be­rück­sich­ti­gen, dass ver­schie­de­ne ex­ter­ne Ak­teu­re sehr un­ter­schied­li­che Wir­kungs­mög­lich­kei­ten ge­gen­über aku­ten Kon­flikt­dy­na­mi­ken und tie­fe­ren Kon­flik­tur­sa­chen ha­ben.

 


[Wei­ter zu Sei­te 2 zu ak­tu­el­len Ent­wick­lun­gen, der "Kul­tur der mi­li­tä­ri­schen Zu­rück­hal­tung" und Schluss­fol­ge­run­gen]

 



[1] An­stoß für den Bei­trag war mei­ne Teil­nah­me an der Po­di­ums­dis­kus­si­on „In­ter­na­tio­na­le So­fort­hil­fe – ei­ne Grat­wan­de­rung“ beim 1. Müns­ter­schen Kon­gress für Hu­ma­ni­tä­re Hil­fe, ver­an­stal­tet vom Kom­pe­tenz­zen­trum Hu­ma­ni­tä­re Hil­fe der FH Müns­ter (Prof. Dr. Joa­chim Gar­de­mann) in Zu­sam­men­ar­beit mit der Stadt Müns­ter am 20. Mai 2011 im Rat­haus von Müns­ter. Re­fe­ren­ten des Kon­gres­ses wa­ren u.a. Ge­ne­ral­leut­nant a.D. Ro­meo Dal­lai­re und Prof. F. Chalk, Mon­tre­al In­sti­tu­te for Ge­no­ci­de and Hu­man Rights Stu­dies. Zur Schutz­ver­ant­wor­tung ein­füh­rend: www.​dgvn.​de/​rto­p_​1.​html

[2] Win­fried Nacht­wei, Ko­so­vo-Krieg vor zwei Jah­ren: Be­gann al­les mit ei­ner Lü­ge? Zum Streit um die In­for­ma­ti­ons­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung, 12.03.2001, http://​www.​nacht­wei.​de/​in­dex.​php/​ar­ti­cles/​277

[3] Ro­meo Dal­lai­re, Hand­schlag mit dem Teu­fel – Die Mit­schuld der Welt­ge­mein­schaft am Völ­ker­mord in Ru­an­da, Sprin­ge 2008

[4] Ver­ein­te Na­tio­nen, Ge­ne­ral­ver­samm­lung, Um­set­zung der Schutz­ver­ant­wor­tung – Be­richt des Ge­ne­ral­se­kre­tärs, A/63/677 12.01.2009, http://​www.​un.​org/​depts/​ger­man/​gv-sonst/​a63-677.​pdf

[5] Hier wie bei an­de­ren UN-Mis­sio­nen in Afri­ka wer­den pri­mär Ein­satz­kräf­te aus der je­wei­li­gen Gro­ß­re­gi­on be­nö­tigt und nicht Kon­tin­gen­te aus dem rei­chen Län­dern des Nor­dens. De­ren Un­ter­stüt­zung wird vor al­lem bei Man­gel­fä­hig­kei­ten (z.B. Auf­klä­rung, Füh­rung, Luft­trans­port) ge­braucht.

[6] Win­fried Nacht­wei, Kon­go im 2. Jahr nach der Wahl: We­ni­ge Fort­schrit­te, viel Sta­gna­ti­on, Höl­le auf Er­den, Rei­se­be­richt Mai 2008, http://​www.​nacht­wei.​de/​in­dex.​php/​ar­ti­cles/​news/​702 (letz­ter Zu­griff 5.4.2012). Aus der Zu­sam­men­fas­sung:  Die „hu­ma­ni­tä­re La­ge im Ost­kon­go und ins­be­son­de­re der se­xu­el­le Ter­ro­ris­mus schrei­en gen Him­mel. (…) Es ist ein Ge­bot der Re­s­pon­si­bi­li­ty to Pro­tect wie des eu­ro­päi­schen In­ter­es­ses an ei­nem fried­li­chen Nach­bar­kon­ti­nent Afri­ka, dass die Staa­ten end­lich ein­mü­tig, en­er­gisch und prak­tisch den Ge­walt­ak­teu­ren und –struk­tu­ren im Ost­kon­go und der Re­gi­on ent­ge­gen­tre­ten.“

[7] Her­aus­ge­ber der Stu­die sind The Ame­ri­can Aca­de­my of Di­plo­ma­cy, United Sta­tes Ho­lo­caust Me­mo­ri­al Mu­se­um, United Sta­tes In­sti­tu­te of Peace, http://​www.​usip.​org/​ge­no­ci­de_​task­force/​in­dex.​html

[8] http://​www.​aus­waer­ti­ges-amt.​de/​cae/​serv­let/​con­t­ent­blub/​3844230/​pu­bli­ca­ti­on­File/​4345/​Ak­ti­ons­plan-De.​pdf  Als ers­te der im Bun­des­tag ver­tre­te­nen Par­tei­en be­kann­ten sich Bünd­nis 90/Die Grü­nen zur Schutz­ver­ant­wor­tung. Der am 16.11.2008 vom Bun­des­par­tei­tag in Er­furt ge­bil­lig­te Ab­schluss­be­richt der Frie­dens- und si­cher­heits­po­li­ti­schen Kom­mis­si­on wid­me­te der Schutz­ver­ant­wor­tung als „ganz­heit­li­chem An­satz“, der Zi­vi­len Kon­flikt­be­ar­bei­tung und Prin­zi­pi­en für Kri­se­n­en­ga­ge­ment und Aus­lands­ein­sät­ze drei Ka­pi­tel. Ber­lin 2008, S. 15-21, S. 51-55.

http://​www.​grue­ne-par­tei.​de/​cms/​files/​dok­bin/​247/​247629.​fri­si­ko­ab­schluss­be­richt.​pdf  Die Par­tei DIE LIN­KE re­prä­sen­tiert mit ih­rer ka­te­go­ri­schen Ab­leh­nung der Schutz­ver­ant­wor­tung den Ge­gen­pol in der deut­schen Par­tei­en­land­schaft. Ei­ne ak­tu­el­le Über­sicht über die Hal­tung der Bun­des­re­gie­rung und al­ler Bun­des­tags­par­tei­en zur Schutz­ver­ant­wor­tung un­ter http://​www.​schutz­ver­ant­wor­tung.​de

[9] Un­ter­rich­tung durch die Bun­des­re­gie­rung, Drit­ter Be­richt der  Bun­des­re­gie­rung über die Um­set­zung des Ak­ti­ons­plans „Zi­vi­le Kri­sen­prä­ven­ti­on (…)“, Bun­des­tags­druck­sa­che 17/2300, 25. Ju­ni 2010

[10] Po­li­cy Pa­per 28, Stif­tung Ent­wick­lung und Frie­den (SEF) Bonn De­zem­ber 2007. Die Völ­ker­recht­le­rin von Schor­le­mer war In­ha­be­rin des welt­weit ers­ten UNESCO-Lehr­stuhls für In­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen an der TU Dres­den und ist als Par­tei­lo­se seit 2009 säch­si­sche Staats­mi­nis­te­rin für Wis­sen­schaft und Kunst.

[11] Mar­tin Klingst, Frau­en für den Krieg, 25. März 2011. H. Clin­ton und A.-M. Slaugh­ter hat­ten al­ler­dings auch den Irak­krieg be­für­wor­tet.

[12] Vgl. Win­fried Nacht­wei, Mi­li­tär­in­ter­ven­ti­on in Li­by­en – Not­wen­dig­keit, Le­gi­ti­mi­tät, Ri­si­ken, ZIF Po­li­cy Brie­fing Mai 2011, http://​www.​zif-ber­lin.​org/​de/​ana­ly­se/​vero­ef­fent­li­chun­gen.​html (letz­ter Zu­griff: 5.4.2012)

[13] Zum Span­nungs­ver­hält­nis von Ge­walt­frei­heit und Men­schen­rechts­schutz und den ver­än­der­ten An­for­de­run­gen an Ge­walt­frei­heit für Trä­ger staat­li­cher Ver­ant­wor­tung im Kon­text der Krie­ge und Er­fah­rungs­pro­zes­se der 90er Jah­re Win­fried Nacht­wei, Pa­zi­fis­mus zwi­schen Ide­al und po­li­ti­scher Rea­li­tät, in: Bar­ba­ra Bleisch, Jean-Da­ni­el Strub (Hrsg.), Pa­zi­fis­mus. Ide­en­ge­schich­te, Theo­rie und Pra­xis, Bern/Stutt­gart/Wien 2006, S. 303-317, http://​www.​nacht­wei.​de/​down­loads/​bei­tra­e­ge/​Win­frie­d_​Nacht­wei_​Pa­zi­fis­mus.​pdf (letz­ter Zu­griff: 5.4.2012)

[14] Mi­cha­el Haid, Die „Re­s­pon­si­bi­li­ty to Pro­tect“ – Kriegs­le­gi­ti­ma­ti­on un­ter Miss­brauch der Men­schen­rech­te? IMI-Ana­ly­se 032/2011, www.​imi-on­line.​de/​down­load/​08au­g2011_​haid.​pdf

[15] Tho­mas Mick­an, Die UN und der neue Mi­li­ta­ris­mus – Von Krieg und UN-Frie­den: Peace­ke­eping, Re­gio­na­li­sie­rung und die Rüs­tungs­in­dus­trie, IMI Ok­to­ber 2011

[16] Das (NICHT)HAN­DELN be­zieht sich auf das gan­ze Spek­trum po­li­ti­scher Maß­nah­men - bis zu Zwangs­maß­nah­men im äu­ßers­ten Fall. Falsch und ge­fähr­lich ist das ver­brei­te­te Denk­mus­ter, wo Han­deln gleich­ge­setzt wird mit In­ter­ve­nie­ren und al­les an­de­re als Nicht­han­deln ab­qua­li­fi­ziert wird.

[17] Jan Kar­ski, Mein Be­richt an die Welt – Ge­schich­te ei­nes Staa­tes im Un­ter­grund, Erst­ver­öf­fent­li­chung 1944, Neu­aus­ga­be Mün­chen 2011. Bei mei­nen 1989 be­gin­nen­den For­schun­gen zu den Ju­den­de­por­ta­tio­nen nach Ri­ga und zum „Reichs­ju­den­ghet­to“ Ri­ga 1941-1944 er­fuhr ich, dass der Mas­sen­mord an fast 30.000 Ri­gen­ser jü­di­schen Frau­en, Män­nern und Kin­dern am 30. No­vem­ber („Ri­ga­er Blut­sonn­tag“) und 8. De­zem­ber 1941 schon am nächs­ten Tag vom so­wje­ti­schen und bri­ti­schen Rund­funk ge­mel­det wor­den wa­ren.

[18] Mi­chae­la Mai­er, Ge­org Ruhr­mann  u.a., Be­dro­hung auf der (Me­di­en-)Agen­da – Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on im Nach­rich­ten­pro­zess, For­schung Deut­sche Stif­tung Frie­dens­for­schung, Os­na­brück 2012

[19] „Wie Hol­ly­wood-Pro­mi­nen­te hu­ma­ni­tä­re In­ter­ven­tio­nen er­zwin­gen wol­len – und was sie da­bei über­se­hen“, ZEIT 20.4.2012

[20] Die An­wei­sung von US-Prä­si­dent Oba­ma vom Au­gust 2011 zur Ein­rich­tung ei­nes „Atro­ci­ties Preven­ti­on Board“ be­nennt deut­lich die­se und die fol­gen­den De­fi­zi­te. Nä­he­res dar­über un­ter http://www.​ge­no­ci­de-alert.​de

[21] Ash­ley South, Si­mon Har­ra­gin u.a., Lo­cal to Glo­bal Pro­tec­tion in Myan­mar, Su­dan, South Su­dan and Zim­bab­we, HPN Net­work Pa­per 72, Fe­bru­ar 2012, www.​odih­pn.​org/​hpn-re­sour­ces/​hpn-net­work-pa­pers/​lo­cal-to-glo­bal-pro­tec­tion WELT­SICH­TEN (Ma­ga­zin für glo­ba­le Ent­wick­lung und öku­me­ni­sche Zu­sam­men­ar­beit) 3/2012 schreibt von ei­ner „schal­len­den Ohr­fei­ge für die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft“. Lo­cal to Glo­bal Pro­tec­tion be­tont die lo­ka­len Per­spek­ti­ven des Schut­zes bei hu­ma­ni­tä­ren Kri­sen.

[22] Wa­shing­ton Post 21. April 2011. Sa­rah Sa­well war ho­he Pen­ta­gon-Be­am­tin in der Clin­ton-Ad­mi­nis­tra­ti­on. Sie ver­fass­te ei­ne Ein­füh­rung zum Coun­ter­in­sur­gen­cy Field Ma­nu­al No. 3-24 der US Ar­my von 2006 und grün­de­te das „Mass Atro­ci­ty Re­s­pon­se Ope­ra­ti­ons (MA­RO) Pro­ject“ der Har­vard Ken­ne­dy School/Carr Cen­ter for Hu­man Rights Po­li­cy und dem Peace­ke­eping and Sta­bi­li­ty Ope­ra­ti­ons In­sti­tu­te der US Ar­my. An­t­ho­ny Zin­ni war vor­mals u.a. Kom­man­deur des US Cen­tral Com­mand.

[23] In­ter­view mit Alain Le Roy in: VER­EIN­TE NA­TIO­NEN, hrsg. von der DGVN, 6/2011, S. 250-256

[24] Vgl. An­drea Böhm, Ret­ter oh­ne Re­geln – Irak, Af­gha­nis­tan, Li­by­en, Ugan­da: Die Ein­mi­schung in frem­de Kon­flik­te wird zur Ge­wohn­heit. Mit­leid al­lein reicht nicht aus. Er­for­der­lich sind kla­re Kri­te­ri­en, DIE ZEIT 22. März 2012

[25] Wei­te­re Kri­te­ri­en sind: Zie­le und In­ter­es­sen of­fen le­gen, Pri­mat der Zi­vi­len Kri­sen­prä­ven­ti­on und „äu­ßers­tes Mit­tel“, völ­ker­recht­li­che Le­gi­ti­mi­tät und UN-Man­dat, Pri­mat der Po­li­tik/Wirk­sam­keits­ori­en­tie­rung und aus­ge­wo­ge­ne Fä­hig­kei­ten, ver­ant­wort­li­cher Mul­ti­la­te­ra­lis­mus, Leist­bar­keit und Ver­ant­wort­bar­keit, Par­la­ments­be­tei­li­gung und ge­sell­schaft­li­che Ak­zep­tanz.



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