RtoP in der Diskussion

Ein trau­ri­ger Irr­tum - Die Links­par­tei und die Schutz­ver­ant­wor­tung

21.10.2011

Wenn es dar­um geht, Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen an­zu­pran­gern ist die Links­par­tei stets ganz vor­ne mit da­bei - und das ist gut so. Durch un­be­que­me Fra­gen er­öff­nen sie das Stör­feu­er ge­gen ei­ne Re­al­po­li­tik, in wel­cher Wirt­schafts­in­ter­es­sen Vor­fahrt ge­gen­über Men­schen­rech­ten ha­ben. Lei­der kommt je­doch der Par­tei ihr eben­so gro­ßer Ei­fer in Sa­chen „An­ti-Mi­li­ta­ris­mus" und ihr Ge­ne­ral­ver­dacht des „west­li­chen Im­pe­ria­lis­mus" ge­ra­de dann in die Que­re, wenn es dar­um geht, die al­ler­schlimms­ten For­men der Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen - Völ­ker­mord, Kriegs­ver­bre­chen, eth­ni­sche Säu­be­rung und Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit- zu ver­hin­dern.
 
Die­ser Irr­tum ist nicht nur trau­rig auf­grund der Miss­ver­ständ­nis­se, wel­chen die­ser falsch ver­stan­de­ne Pa­zi­fis­mus auf­sitzt, son­dern ist in sei­ner Kon­se­quenz auch töd­lich für die Men­schen, für wel­che die Links­par­tei zu spre­chen meint. In ih­rer fun­da­men­ta­len Ab­leh­nung von UN-Mis­si­on igno­riert die Links­par­tei, dass die Blau­hel­me von UN­AMID in Dar­fur oder MO­NUC­SO im Ost-Kon­go trotz ih­rer Un­zu­läng­lich­kei­ten oft die Ein­zi­gen sind, wel­che für ei­nen we­nigs­tens mi­ni­ma­len Schutz der Be­völ­ke­rung sor­gen, in dem sie vor Über­fäl­len auf Dör­fer ab­schre­cken und bei­spiels­wei­se Zi­vi­lis­ten beim Sam­meln von Feu­er­holz be­glei­ten.

Deut­lich wird die­ser Irr­tum auch in ih­rer Hal­tung zur Schutz­ver­ant­wor­tung. Die jüngs­ten in­ner­par­tei­li­chen Dis­kus­sio­nen zei­gen zwar, dass es hier zu­min­dest Hoff­nung auf ei­ne dif­fe­ren­zier­te­re Po­si­tio­nie­rung gibt. Letzt­end­lich sind je­doch die­je­ni­gen Stim­men nach wie vor lau­ter, wel­chen das rei­ne Dog­ma schwe­rer wiegt als ein Mas­sen­grab.
In dem Pa­pier „Re­for­men zur Stär­kung der UNO sind not­wen­dig und mach­bar -Vor­schlä­ge für ei­ne lin­ke Po­si­tio­nie­rung zur Welt­or­ga­ni­sa­ti­on" vom Au­gust 2011 wag­ten des­sen Au­to­ren An­dré Brie, Ernst Kra­batsch, Ste­fan Lie­bich, Paul Schä­fer und Ger­ry Wo­op ei­nen Schritt der zeigt, dass es auch in der Links­par­tei Au­ßen­po­li­ti­ker gibt, die sich ei­nem Um­den­ken nicht gänz­lich ver­schlie­ßen.

Ein Ab­schnitt aus dem Men­schen­rechts­ka­pi­tel lässt auf­hor­chen: „Die UNO ha­ben En­de der 1990er Jah­re ei­ni­ge zen­tra­le Wei­chen­stel­lun­gen zur Stär­kung der Men­schen­rech­te vor­ge­nom­men, zu de­nen die An­nah­me des Sta­tuts des IS­trGH in Den Haag (Rö­mi­sches Sta­tut vom 17. Ju­li 1998) und das [...] Kon­zept der Schutz­ver­ant­wor­tung (‚re­s­pon­si­bi­li­ty to pro­tect‘) ge­hö­ren. Die­ses Kon­zept ist ein Kern­stück des Über­ein­kom­mens zur Ver­hü­tung und Be­stra­fung des Völ­ker­mords." Die Schutz­ver­ant­wor­tung ei­ne „zen­tra­le Wei­chen­stel­lung zur Stär­kung der Men­schen­rech­te"? Das wä­re in der Tat ei­ne längst über­fäl­li­ge Ein­sicht der Links­par­tei, wel­che bis­lang dar­in doch aus­schlie­ß­lich ein Werk­zeug des Neo­ko­lo­nia­lis­mus sieht.

Er­freu­lich ist eben­falls, dass in dem Pa­pier auch die ers­te und drit­te Kom­po­nen­te - die Ver­ant­wor­tung zur Prä­ven­ti­on und zum Wie­der­auf­bau - als Teil der RtoP zur Kennt­nis ge­nom­men wer­den - was in der Aus­ein­an­der­set­zung mit der Schutz­ver­ant­wor­tung all­zu oft, und nicht nur von Sei­ten der Links­par­tei, ver­ges­sen wird.
Ist nun al­so auch in der Links­par­tei der Weg zu ei­ner sach­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung mit der Schutz­ver­ant­wor­tung frei? Wer­den sich am En­de gar die­je­ni­gen durch­set­zen, wel­che be­reit sind, im An­ge­sicht ei­nes Völ­ker­mor­des auch mal ein Dog­ma hin­ten­an­zu­stel­len? Vor­erst wohl nicht. Denn die Dog­ma­ti­ker mel­den sich gleich um­so lau­ter zu Wort. Und zwar so laut und grell, dass man nur noch mit dem Kopf schüt­teln kann. Die blo­ße Er­wäh­nung der RtoP reich dem stell­ver­tre­ten­den Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den der Lin­ken, Jan van Aken, in dem dif­fe­ren­zier­ten Pa­pier sei­ner Par­tei­ge­nos­sen vor al­lem eins zu se­hen: „ei­ne Kampf­schrift für mi­li­tä­ri­sche UN-In­ter­ven­tio­nen", letzt­end­lich gar ei­ne „Mi­li­tär­ein­satz-Pro­pa­gan­da".

Sein Ar­gu­ment ge­gen­über der Sank­tio­nie­rung mi­li­tä­ri­scher Zwangs­maß­nah­men durch den UN-Si­cher­heits­rat lau­tet: „die Kri­te­ri­en sind but­ter­weich, un­klar de­fi­niert und kön­nen sehr weit aus­ge­legt wer­den." Und wei­ter: „Was z. B. als „mas­sen­haf­te sys­te­ma­ti­sche Men­schen­rechts­ver­let­zung" gilt, dar­über ent­schei­den vor al­lem Macht­in­ter­es­sen und mas­si­ve Me­di­en­kam­pa­gnen. Rein for­mal sind auch die Sank­tio­nen ge­gen Hartz-IV-Be­trof­fe­ne, die das Exis­tenz­mi­ni­mum weg­kür­zen, ‚mas­sen­haf­te sys­te­ma­ti­sche Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen‘." Van Aken hat recht, mas­sen­haf­te sys­te­ma­ti­sche Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen gibt es lei­der zu ge­nü­ge. De­ren Grau­sam­keit mit Hartz-IV gleich­zu­set­zen, kann man nur als ei­ne ge­schmack­lo­se Ver­un­glimp­fung der Op­fer ver­ur­tei­len. Und den­noch: Über­all dort mi­li­tä­risch zu In­ter­ve­nie­ren, wo Men­schen­rech­te ver­letzt wer­den ist kei­ne sinn­vol­le Op­ti­on. In die­sem Punkt ist Van Aken zu­zu­stim­men.


Nur: Die­se Ar­gu­men­ta­ti­on ver­fehlt an die­ser Stel­le voll­stän­dig und zeugt von ei­nen fun­da­men­ta­len Miss­ver­ständ­nis des Kon­zepts der Schutz­ver­ant­wor­tung. In ihr geht es nicht um Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen per se. Le­dig­lich Völ­ker­mord, Kriegs­ver­bre­chen, eth­ni­sche Säu­be­rung und Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit fal­len un­ter die Schutz­ver­ant­wor­tung. Van Aken soll­te wis­sen, dass Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit et­was an­de­res sind, als Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen. So schwie­rig es im Ein­zel­fall auch sein mag, zu ent­schei­den, wann das Aus­maß er­reicht ist, wel­ches ein Ein­grei­fen not­wen­dig macht - but­ter­weich sind Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit wohl kaum - und bei Hartz-IV soll­te es für ei­ne In­ter­ven­ti­on nach die­sen Kri­te­ri­en si­cher­lich nicht rei­chen. Schlim­mer noch: Wie­der ein­mal wird der Kern­punkt des Kon­zep­tes der RtoP ver­kannt: Es geht dar­in nicht nur dar­um, We­ge zu fin­den, um der­ar­ti­ge Mas­sen­ver­bre­chen vor­zu­beu­gen und in aku­ten Si­tua­tio­nen zu un­ter­bin­den. Es ging in der Ent­wick­lung der Schutz­ver­ant­wor­tung von An­fang an vor al­lem dar­um, in der De­bat­te um die Will­kür ei­nes „Rechts zur hu­ma­ni­tä­ren In­ter­ven­ti­on" ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu bie­ten, wel­che sich ei­nem mög­li­chen Miss­brauch ver­schlie­ßt.


Man muss sich fra­gen, ob die­ses Miss­ver­ständ­nis le­dig­lich auf Un­wis­sen­heit be­ruht, was ver­wun­dern wür­de, oder ob ei­ne be­wuss­te Täu­schung über das Kon­zept der Schutz­ver­ant­wor­tung ge­wollt ist - es ist im­mer­hin auch ganz prak­tisch, sich in dem Selbst­ver­ständ­nis als der „ein­zi­gen ech­ten Frie­dens­par­tei" ge­gen­über den „Kriegs­trei­bern" von SPD und Grü­nen im lin­ken La­ger ab­gren­zen und dies wahl­tak­tisch Aus­schlach­ten zu kön­nen. Bleibt die Fra­ge, ob man lie­ber über Lei­chen ge­hen wür­de, als für die Ver­hin­de­rung ei­nes Völ­ker­mor­des ei­nen Po­pu­lis­mus auf­zu­ge­ben? Es ist zu hof­fen, dass die Ge­nos­sen um An­dré Brie den Mut ha­ben, sich den Kriegs­trei­ber­vor­wür­fen aus der ei­ge­nen Par­tei zu stel­len und mit un­be­que­men Fra­gen in Sa­chen Men­schen­recht viel­leicht auch ein­mal in­ner­halb der Links­par­tei ein Stör­feu­er zu ent­fa­chen.

 

Chris­toph Schlim­pert



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