RtoP in der Diskussion

Ein strik­tes und ef­fek­ti­ves Waf­fen­han­dels­ab­kom­men er­gänzt die Re­s­pon­si­bi­li­ty to Pro­tect

 

21. Ju­li 2012

 Hin­ter­grund

Mas­sen­ver­bre­chen wer­den oft­mals erst durch den un­ge­hin­der­ten Zu­gang der Tä­ter zu Waf­fen er­mög­licht. Dies hängt vor al­lem da­mit zu­sam­men, dass der in­ter­na­tio­na­le Waf­fen­han­del nicht re­gle­men­tiert ist. Das hei­ßt, es gibt auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne kein Ab­kom­men, was dem Han­del mit Waf­fen kon­kre­ten Re­geln un­ter­wirft. Und das ob­wohl je­de Mi­nu­te ein Mensch durch Waf­fen­ge­walt sein Le­ben ver­liert.  Aus die­sem Grund for­dern Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen seit Jahr­zehn­ten ein strik­tes und ef­fek­ti­ves Waf­fen­han­dels­ab­kom­men auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne. Auch der ehe­ma­li­ge Ge­ne­ral­se­kre­tär der Ver­ein­ten Na­tio­nen Ko­fi An­n­an be­män­gel­te in sei­nem Mill­en­ni­um Re­port „We the Peop­les“ im Jahr 2000, dass es kei­nen in­ter­na­tio­na­len Ver­trag gibt, der den Han­del mit Klein­waf­fen re­gu­liert und de­ren Ver­brei­tung ein­dämmt. Auf­grund der ho­hen Op­fer­zah­len jähr­lich, wer­den Klein­waf­fen zu Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen. 
Die Ver­ein­ten Na­tio­nen han­deln der­zeit ein Waf­fen­han­dels­ab­kom­men aus (2.-27. Ju­li 2012). Ob die­ses Ab­kom­men je­doch am En­de auch ein ef­fek­ti­ves Werk­zeug dar­stellt, um den Waf­fen­han­del jeg­li­cher Art bes­ser kon­trol­lie­ren und über­wa­chen zu kön­nen und so­mit auch Waf­fen­ex­por­te in Kri­sen­re­gio­nen un­ter­sagt, ist je­doch frag­lich. Dies hängt zum ei­nen da­mit zu­sam­men, dass sich die Ver­ein­ten Na­tio­nen bei den Vor­ver­hand­lun­gen im Fe­bru­ar 2012 auf das Kon­sens­prin­zip ge­ei­nigt ha­ben. Dies be­deu­tet, dass je­der Mit­glieds­staat der Ver­ein­ten Na­tio­nen ein Ve­to-Recht hat, da al­le Mit­glieds­staa­ten dem Ab­kom­men zu­stim­men müss­ten. Zum an­de­ren lässt im Be­son­de­ren die Hal­tung ei­ni­ger der grö­ß­ten Rüs­tungs­ex­por­teu­re dar­auf schlie­ßen, dass ein Waf­fen­han­dels­ab­kom­men, falls es zu­stan­de kom­men soll­te, ei­ne sehr ver­wäs­ser­te Form an­neh­men wird. Russ­land, der zweit­grö­ß­te und Chi­na, der sechst­grö­ß­te Waf­fen­ex­por­teur ge­hö­ren zu den Staa­ten, die ein schwa­ches Waf­fen­han­dels­ab­kom­men fa­vo­ri­sie­ren. Staa­ten, wie Deutsch­land (dritt­grö­ß­ter Waf­fen­ex­por­teur), set­zen sich zwar für ein strik­tes Ab­kom­men ein, könn­ten je­doch von ih­rer Po­si­ti­on ab­wei­chen, wenn die Kon­fe­renz zu schei­tern dro­hen soll­te.

Oh­ne Waf­fen­lie­fe­run­gen kei­ne Mas­sen­ver­bre­chen

Ein strik­tes und ef­fek­ti­ves Waf­fen­han­dels­ab­kom­men wür­de je­doch da­zu bei­tra­gen, Mas­sen­ver­bre­chen zu ver­hin­dern. Auf dem Welt­gip­fel 2005 ha­ben sich al­le Mit­glied­staa­ten der Ver­ein­ten Na­tio­nen da­zu be­kannt, dass je­der Staat ei­ne Ver­ant­wor­tung trägt, Mas­sen­ver­bre­chen – Völ­ker­mord, Kriegs­ver­bre­chen, Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit und eth­ni­sche Säu­be­rung – auf sei­nem Ter­ri­to­ri­um zu ver­hin­dern (Pri­mär­ver­ant­wor­tung des Ein­zel­staa­tes). Die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft un­ter­stützt ei­nen Staat hier­bei. Kommt ein Staat die­ser Ver­ant­wor­tung je­doch nicht nach, weil er dies ent­we­der nicht kann oder nicht wil­lens ist, geht die­se Ver­ant­wor­tung auf die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft über (Kom­ple­men­tär­ver­ant­wor­tung der in­ter­na­tio­na­len Ge­mein­schaft). Die­se soll­te zu­nächst mit fried­li­chen und nicht-mi­li­tä­ri­schen Mit­teln ver­su­chen, auf die Si­tua­ti­on ein­zu­wir­ken und als letz­tes Mit­tel mi­li­tä­risch ein­grei­fen, mit ei­nem Man­dat des Si­cher­heits­rats der Ver­ein­ten Na­tio­nen.
Ob­wohl die Re­s­pon­si­bi­li­ty to Pro­tect die Mög­lich­keit ei­ner mi­li­tä­ri­schen In­ter­ven­ti­on zum Men­schen­rechts­schutz nicht aus­schlie­ßt, ist es je­doch wich­tig dar­an zu er­in­nern, dass das Haupt­au­gen­merk der Re­s­pon­si­bi­li­ty to Pro­tect auf der Prä­ven­ti­on von Mas­sen­ver­bre­chen liegt. Und ge­nau hier wür­de ein strik­tes und ef­fek­ti­ves Waf­fen­han­dels­ab­kom­men an­set­zen. Es wür­de be­son­ders die prä­ven­ti­ve Kom­po­nen­te der Re­s­pon­si­bi­li­ty to Pro­tect stär­ken, da es Waf­fen­lie­fe­run­gen an ein Re­gime ver­bie­tet, wenn ein kon­kre­ter Ver­dacht be­stün­de, dass die­se Waf­fen für Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ein­ge­setzt wer­den könn­ten. Gleich­zei­tig wür­de die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft so ei­nen ef­fek­ti­ven Bei­trag leis­ten und dem Ein­zel­staat bei dem Nach­kom­men sei­ner Pri­mär­ver­ant­wor­tung un­ter­stüt­zen.
Zwar führt das Vor­han­den­sein von Waf­fen nicht au­to­ma­tisch zu Mas­sen­ver­bre­chen. Wenn je­doch die Ab­sicht zu sol­chen be­steht, wird durch un­kon­trol­lier­te Waf­fen­lie­fe­run­gen de­ren Durch­füh­rung er­leich­tert. Auf der an­de­ren Sei­te wür­de de­ren Durch­füh­rung oh­ne Waf­fen­lie­fe­run­gen er­schwert.

Das Waf­fen­han­dels­ab­kom­men wä­re ein dau­er­haf­tes Waf­fen­em­bar­go

Ein strik­tes Waf­fen­han­dels­ab­kom­men führt zum ei­nen da­zu, dass kei­ne Waf­fen mehr in Kri­sen­re­gio­nen ex­por­tiert wer­den dür­fen. Hier­durch wür­den po­ten­zi­el­le Kon­flik­te ent­schärft und so­mit Mas­sen­ver­bre­chen ver­hin­dert. Dies liegt vor al­lem dar­an, dass auf län­ge­re Sicht ge­se­hen, kei­ne neu­en Waf­fen mehr ge­lie­fert wür­den. Zum an­de­ren müss­te die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft nicht mehr war­ten, bis der UN-Si­cher­heits­rat ein strik­tes und bin­den­des Waf­fen­em­bar­go ge­mäß Ar­ti­kel 41 i.V.m. Ar­ti­kel 39 der UN-Char­ta er­las­sen hat, son­dern ein Waf­fen­em­bar­go wä­re de fac­to be­reits in Kraft. Ein star­kes Waf­fen­han­dels­ab­kom­men wür­de näm­lich Waf­fen­lie­fe­run­gen an Re­gime ver­bie­ten, wenn ein kon­kre­ter Ver­dacht be­steht, dass die Waf­fen für Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ein­ge­setzt wer­den könn­ten. Dass ein sol­ches Waf­fen­han­dels­ab­kom­men drin­gend not­wen­dig ist, be­weist die der­zei­ti­ge Si­tua­ti­on in Sy­ri­en. Ob­wohl das Re­gime seit März 2011 bru­tal ge­gen die ei­ge­ne Be­völ­ke­rung vor­geht, ist kein ef­fek­ti­ves Waf­fen­em­bar­go in Kraft. Der UN-Si­cher­heits­rat hat sich hier­zu bis lang nicht durch­drin­gen kön­nen. Russ­land, der wich­tigs­te Waf­fen­lie­fe­rant des As­sad-Re­gimes hat zwar jüngst er­klärt, kei­ne neu­en Ver­trä­ge über Waf­fen­lie­fe­run­gen mit Sy­ri­en mehr zu schlie­ßen. Be­reits be­schlos­se­ne Waf­fen­lie­fe­run­gen sind hier­von je­doch nicht be­trof­fen, so dass nach wie vor Waf­fen aus Russ­land an Sy­ri­en ge­lie­fert wer­den. Wä­re ein strik­tes und ef­fek­ti­ves Waf­fen­han­dels­ab­kom­men je­doch seit März 2011 in Kraft, hät­ten seit die­sem Zeit­punkt auf le­ga­lem We­ge kei­ne Waf­fen mehr an Sy­ri­en ge­lie­fert wer­den dür­fen.
Kon­ven­tio­nel­le Waf­fen­em­bar­gos ha­ben dar­über hin­aus ge­wis­se Nach­tei­le. Zum ei­nen wer­den sie erst ver­hängt, nach­dem Waf­fen be­reits ge­lie­fert wur­den und Gräu­el­ta­ten statt­fin­den. Sie er­fol­gen da­mit meist zu spät. Ein strik­tes und ef­fek­ti­ves Waf­fen­han­dels­ab­kom­men wür­de viel frü­her grei­fen. Zum an­de­ren kön­nen Waf­fen­em­bar­gos auch kon­tra­pro­duk­tiv wir­ken. Wenn, wie z.B. in Bos­ni­en, ein Waf­fen­em­bar­go ei­nen Aus­gleich zwi­schen den Kon­flikt­par­tei­en ver­hin­dert, kann ein sol­ches auch Mas­sen­ver­bre­chen be­güns­ti­gen, da den Op­fern die Mit­tel zur Selbst­ver­tei­di­gung feh­len. Ein strik­tes und ef­fek­ti­ves Waf­fen­han­dels­ab­kom­men wür­de je­doch Waf­fen­lie­fe­run­gen in Kri­sen­ge­bie­te ver­hin­dern, be­vor die ers­ten Über­le­gun­gen über ein Waf­fen­em­bar­go an­ge­sto­ßen wer­den wür­den. Hier­durch wür­den den po­ten­ti­el­len Tä­tern kei­ne Waf­fen für Mas­sen­ver­bre­chen zur Ver­fü­gung ste­hen.
Dass selbst be­ste­hen­de Waf­fen­em­bar­gos die Pro­li­fe­ra­ti­on von Waf­fen und die Ver­übung von Mas­sen­ver­bre­chen nicht ef­fek­tiv ver­hin­dern kön­nen, be­weist auf trau­ri­ge Wei­se die De­mo­kra­ti­sche Re­pu­blik Kon­go. Seit über zwei Jahr­zehn­ten wü­ten be­waff­ne­te Kon­flik­te im Os­ten des Lan­des, de­nen sechs Mil­lio­nen Men­schen zum Op­fer fie­len. Ob­wohl seit 2003 ein Waf­fen­em­bar­go des UN-Si­cher­heits­rats in Kraft ist, ge­lan­gen Mi­li­zen nach wie vor an Waf­fen. Dies liegt zum ei­nen dar­an, dass seit 2008 der UN-Si­cher­heits­rat Waf­fen­lie­fe­run­gen an die Ar­mee der De­mo­kra­ti­schen Re­pu­blik Kon­go er­laubt, ob­wohl die­se eben­falls Ver­bre­chen an der Zi­vil­be­völ­ke­rung ver­übt. Zum an­de­ren wird der End­ver­bleib der ge­lie­fer­ten Waf­fen nicht ge­re­gelt, wo­durch die­se Waf­fen durch kor­rup­te Ein­hei­ten leicht an Mi­li­zen wei­ter­ge­ge­ben wer­den kön­nen, die mit die­sen die Be­völ­ke­rung im Os­ten des Lan­des ter­ro­ri­sie­ren. Auch igno­rie­ren die Waf­fen­lie­fe­ran­ten der De­mo­kra­ti­schen Re­pu­blik Kon­go – wo­zu Chi­na und die USA zäh­len – die rea­le Ge­fahr, dass ih­re ge­lie­fer­ten Waf­fen in die Hän­de von Mi­li­zen ge­ra­ten und so­mit ei­nen Bei­trag zu Mas­sen­ver­bre­chen leis­ten. Hier­durch wird das Waf­fen­em­bar­go des UN-Si­cher­heits­rats wir­kungs­los.  Sol­che Waf­fen­lie­fe­run­gen wä­ren durch ein strik­tes und ef­fek­ti­ves Waf­fen­han­dels­ab­kom­men je­doch nicht mög­lich. Auch wür­de ein sol­ches den End­ver­bleib der Waf­fen re­geln.

Fa­zit

Da ein strik­tes und ef­fek­ti­ves Waf­fen­han­dels­ab­kom­men ei­nen Bei­trag zur Ver­hin­de­rung von Mas­sen­ver­bre­chen leis­ten kann und gleich­zei­tig ein auf Dau­er an­ge­leg­tes ef­fek­ti­ves Waf­fen­em­bar­go dar­stellt, for­dert Ge­no­ci­de Alert al­le Mit­glied­staa­ten der Ver­ein­ten Na­tio­nen auf, auf die Ver­ab­schie­dung ei­nes sol­chen hin­zu­ar­bei­ten. Im Be­son­de­ren wird die Bun­des­re­gie­rung auf­ge­for­dert, ih­ren Ein­fluss bei den Ver­ein­ten Na­tio­nen zu nut­zen, um dar­auf hin­zu­wir­ken, ei­ne Ver­wäs­se­rung des Ver­tra­ges zu ver­hin­dern. Un­kon­trol­lier­te Waf­fen­lie­fe­run­gen an Re­gime, die mit die­sen Waf­fen Mas­sen­ver­bre­chen ver­üben kön­nen, müs­sen auf Dau­er ge­stoppt und un­ter­sagt wer­den. Hier­durch wür­de die Re­s­pon­si­bi­li­ty to Pro­tect ge­stärkt wer­den und die Mit­glied­staa­ten der Ver­ein­ten Na­tio­nen wür­den ei­nen wir­kungs­vol­len Bei­trag zur Er­fül­lung ih­rer auf dem Welt­gip­fel 2005 oh­ne Ge­gen­stim­me ein­ge­gan­gen Ver­ant­wor­tung leis­ten, Mas­sen­ver­bre­chen zu ver­hin­dern.



von Ja­mil Bal­ga

Ein strik­tes und ef­fek­ti­ves Waf­fen­han­dels­ab­kom­men er­gänzt die Re­s­pon­si­bi­li­ty to Pro­tect



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