RtoP in der Diskussion

Das RtoP-Be­wusst­sein in Deutsch­lands Zi­vil­be­völ­ke­rung

Die Fi­nanz-, Eu­ro- und Wirt­schafts­kri­se hat im letz­ten Jahr Tei­le der po­li­tisch in­ter­es­sier­ten Be­völ­ke­rung aus ih­rer Wohl­stands­le­thar­gie ge­ris­sen und zur Block­u­py-Be­we­gung for­miert. In noch weit stär­ke­rem Ma­ße sind die Pro­tes­te der In­di­gna­dos in Ma­drid und der Be­völ­ke­rung in Grie­chen­land aus­ge­fal­len. Da­ne­ben wur­de nicht zu­letzt von der Zeit­schrift Ti­mes 2011 als Jahr der Re­vo­lu­ti­on pro­kla­miert, wo­mit in ers­ter Li­nie auf den ara­bi­schen Früh­ling Be­zug ge­nom­men wur­de. Doch auch in mi­kro­po­li­ti­schen Fra­ge­stel­lun­gen scheint das po­li­ti­sche Be­wusst­sein der Be­völ­ke­rung ge­wach­sen – ge­ra­de in Deutsch­land. Über Mo­na­te ka­men tau­sen­de Men­schen zu Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen ge­gen das Stutt­gart 21 Pro­jekt. Im Fe­bru­ar 2012 de­mons­trier­ten mehr als 50.000 Men­schen in Deutsch­land ge­gen das An­ti-Pi­ra­te­rie Ab­kom­men „Ac­ta“. Zum Jah­res­tag der Atom­ka­ta­stro­phe im ja­pa­ni­schen Fu­kus­hi­ma gin­gen zehn­tau­sen­de Deut­sche in vie­len Städ­ten auf die Stra­ße.

Solidaritätsdemonstration für die syrische Bevölkerung in Motreal am 27. März 2012So po­si­tiv die­se po­li­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on jun­ger Men­schen jen­seits von Par­tei und Wah­len ist, so zeigt der Fall Sy­ri­en den­noch, wie be­schränkt das po­li­ti­sche Be­wusst­sein ist. Wäh­rend nach ein­hel­li­ger Mei­nung da­von aus­ge­gan­gen wird, dass das sy­ri­sche Re­gime, und an­schei­nend auch Tei­le der Op­po­si­ti­on, Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit be­ge­hen und da­mit die schwers­ten Mas­sen­ver­bre­chen vor­lie­gen, so ruft dies doch kei­ne er­kenn­ba­re Ent­rüs­tung oder all­ge­mei­ne Em­pö­rung in der deut­schen Zi­vil­ge­sell­schaft her­vor. Zwar wur­den auch im Früh­jahr De­mons­tra­tio­nen in Ber­lin ge­gen die Vor­ge­hens­wei­se des sy­ri­schen Re­gimes ab­ge­hal­ten, von ei­nem Pro­test, der ein kla­re­res Ver­hal­ten so­wohl der deut­schen Bun­des­re­gie­rung als auch der in­ter­na­tio­na­len Staa­ten­ge­mein­schaft for­dert, ist je­doch nichts zu se­hen. Die Glo­ba­li­sie­rung hat zwar ei­ne en­ge­re Ver­flech­tung der Welt her­vor­ge­bracht, den Ein­zel­nen scheint das Aus­land den­noch nur dann zu in­ter­es­sie­ren, wenn es ei­nen Be­zug auf sein ge­re­gel­tes „Wohl­stands­le­ben“ in Deutsch­land gibt. Rei­ne Mensch­lich­keits­be­lan­ge schei­nen für ei­ne Be­trof­fen­heit, die nach au­ßen ma­ni­fes­tiert wird, nicht aus­zu­rei­chen. Da­bei be­tref­fen uns die Mas­sen­ver­bre­chen in Sy­ri­en oder an­ders­wo stär­ker als ge­mein­hin an­ge­nom­men. Durch die An­er­ken­nung der Schutz­ver­ant­wor­tung, der Re­s­pon­si­bi­li­ty to Pro­tect, durch die Ge­ne­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Na­tio­nen im Jahr 2005 hat auch der deut­sche Staat die Pflicht über­nom­men, Mas­sen­ver­bre­chen, wie Ge­no­zid, Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit, Kriegs­ver­bre­chen und eth­ni­sche Säu­be­run­gen, zu ver­hin­dern – und dies nicht al­lein in deut­schem Ho­heits­be­reich, son­dern über­all auf der Welt. Die drei­tei­li­ge Schutz­ver­ant­wor­tung be­inhal­tet zwar zu­nächst die Pflicht in den ei­ge­nen na­tio­na­len Gren­zen die­se Mas­sen­ver­bre­chen zu ver­hin­dern. Da­ne­ben be­steht je­doch auch die Pflicht, bei Be­ste­hen sol­cher Ver­bre­chen in an­de­ren Staa­ten, Bei­hil­fe zu leis­ten, um die­se Ver­bre­chen zu be­en­den und am Wie­der­auf­bau mit­zu­wir­ken, um zu­künf­ti­ge Mas­sen­ver­bre­chen zu ver­hin­dern. Der Schutz­ver­ant­wor­tung, wel­che 2005 von der Ge­ne­ral­ver­samm­lung ver­ab­schie­det wur­de und auf die sich der Si­cher­heits­rat in sei­ner Li­by­en-Re­so­lu­ti­on 1973 im letz­ten Jahr be­zog, wird zwar teil­wei­se die völ­ker­recht­li­che Ver­bind­lich­keit ab­ge­spro­chen, da Re­so­lu­tio­nen der Ge­ne­ral­ver­samm­lung nicht bin­dend sei­en und al­lein mo­ra­li­sche Ver­pflich­tun­gen sta­tu­ie­ren. Den­noch er­scheint die mehr­ma­li­ge Er­wäh­nung der Schutz­ver­ant­wor­tung in Re­so­lu­tio­nen des Si­cher­heits­rats  auf ei­ne Eta­blie­rung der RtoP als all­ge­mei­nes Recht­s­prin­zip oder Ge­wohn­heits­recht hin­zu­wei­sen. Die Ent­ste­hung von Ge­wohn­heits­recht kann völ­ker­recht­lich nur dann ent­ste­hen, wenn Staa­ten über ei­nen län­ge­ren Zeit­raum ei­ne be­stimm­te Hand­lung mit Rechts­über­zeu­gung vor­neh­men und die­se als ver­bind­lich se­hen. Ge­ra­de weil wir in­mit­ten des Eta­blie­rungs­pro­zes­ses der Schutz­ver­ant­wor­tung als völ­ker­recht­lich bin­den­des Prin­zip ste­hen, er­scheint das Be­har­ren auf die­se Norm um­so wich­ti­ger.

Was die Durch­set­zung der Schutz­ver­ant­wor­tung nicht nur in der deut­schen Au­ßen­po­li­tik son­dern vor al­lem auch in der Zi­vil­ge­sell­schaft bremst, ist die feh­len­de Ver­bin­dung der deut­schen Ge­schich­te und den dar­aus ver­bun­de­nen Pflich­ten mit der Schutz­ver­ant­wor­tung. Spä­tes­tens seit Josch­ka Fi­schers Zeit als Au­ßen­mi­nis­ter nimmt die Ma­xi­me „Nie wie­der Ausch­witz“ ei­ne prä­gen­de Rol­le in der deut­schen Au­ßen­po­li­tik ein. „Nie wie­der Ausch­witz“ stellt die be­son­de­re Ver­ant­wor­tung Deutsch­lands dar, die nicht nur im Aus­wär­ti­gen Amt son­dern auch in der Zi­vil­ge­sell­schaft An­er­ken­nung fand. Wäh­rend vor dem NA­TO-Ein­satz im Ko­so­vo De­mons­tra­tio­nen so­wohl ge­gen ei­ne mi­li­tä­ri­sche In­ter­ven­ti­on als auch für ein Han­deln Deutsch­lands zur Wahr­neh­mung sei­ner in­ter­na­tio­na­len Ver­ant­wor­tung im Ko­so­vo statt­fan­den und so ein weit­rei­chen­der Dis­kurs statt­fand, fehlt ein sol­cher Dis­kurs je­doch in an­de­ren Fäl­len, in de­nen Deutsch­land sei­ner Schutz­ver­ant­wor­tung nach­kom­men müss­te. Die Vor­gän­ge im Kon­go oder Ma­ze­do­ni­en wur­den, wenn über­haupt, al­lei­ne in aka­de­mi­schen Krei­sen un­ter­sucht, das Han­deln Deutsch­lands in die­sen Kon­flikt­her­den wur­de je­doch nicht auf brei­ter Ebe­ne ge­sell­schafts­po­li­tisch ana­ly­siert. Ei­ne ge­sell­schaft­li­che Dis­kus­si­on über ei­ne be­son­de­re Ver­ant­wor­tung Deutsch­lands in der Au­ßen­po­li­tik fin­det zwar bei Fra­gen von Rüs­tungs­ex­por­ten nach Is­ra­el oder Bah­rein statt, die „Schutz­ver­ant­wor­tung“ fris­tet in den Dis­kus­sio­nen da­ge­gen im­mer noch ein Schat­ten­da­sein.

Da­bei stellt die An­er­ken­nung der Schutz­ver­ant­wor­tung 2005 die Kon­sti­tu­ie­rung des „Nie wie­der Ausch­witz“ auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne dar. In glei­cher Wei­se, wie En­de der 90er Jah­re ein En­de der ser­bi­schen Mas­sen­ver­bre­chen un­ter Ver­weis auf „Nie wie­der Ausch­witz“ ge­for­dert wur­de, müss­te heu­te folg­lich die Be­en­di­gung von Mas­sen­ver­bre­chen un­ter Hin­weis auf die Schutz­ver­ant­wor­tung ver­langt wer­den. Den­noch ist die Schutz­ver­ant­wor­tung noch nicht in den Köp­fen der Bür­ger an­ge­langt. Die Ent­hal­tung Deutsch­lands bei der Li­by­en-Re­so­lu­ti­on im letz­ten Jahr hat­te zwar zu­min­dest in der Ta­ges­pres­se und in aka­de­mi­schen Krei­sen für Auf­ruhr ge­sorgt, ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit die­ser Fra­ge auf Wäh­le­r­e­be­ne fehl­te da­ge­gen. Wäh­rend in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ei­ne laut­star­ke NGO-Ge­mein­schaft wächst, die sich für die­ses The­ma en­ga­giert, Po­li­ti­ker an­schreibt und durch Ver­an­stal­tun­gen hun­dert­tau­sen­de von Men­schen er­reicht, ha­ben es sich in Deutsch­land le­dig­lich ein paar we­ni­ge Or­ga­ni­sa­tio­nen wie ins­be­son­de­re die Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on Ge­no­ci­de Alert e.V. zur Auf­ga­be ge­macht, das all­ge­mei­ne Be­wusst­sein für die Ver­pflich­tun­gen, die sich aus der Schutz­ver­ant­wor­tung er­ge­ben, zu sen­si­bi­li­sie­ren.

Um dies zu än­dern, müss­ten die Haupt­grün­de für das feh­len­de Be­wusst­sein der Schutz­ver­ant­wor­tung in der Zi­vil­ge­sell­schaft­ge­än­dert wer­den. Zum ei­nen be­tont das Aus­wär­ti­ge Amt zwar in sei­nen Stel­lung­nah­men und auf Ver­an­stal­tun­gen zur RtoP die Be­deu­tung die­ses Prin­zips, den­noch wur­de bis­her kein Ver­ant­wort­li­cher im Amt al­lein für die Schutz­ver­ant­wor­tung ab­ge­stellt, der bei den in­ter­na­tio­na­len Tref­fen der na­tio­na­len RtoP-Fo­cal Points teil­nimmt wie es die Ver­tre­ter an­de­rer Staa­ten wie Dä­ne­mark, Frank­reich, Costa Ri­ca oder Gha­na tun. Die jüngs­te An­kün­di­gung der Bun­des­re­gie­rung im Rah­men des in­for­mel­len in­ter­ak­ti­ven Dia­logs der Ge­ne­ral­ver­samm­lung ei­nen sol­chen RtoP-Fo­cal Point ein­zu­rich­ten ist zwar zu be­grü­ßen. Wie schnell dies um­ge­setzt wird und wel­che Be­fug­nis­se die­ser ha­ben wird, wird sich aber erst zei­gen müs­sen. Vor die­sem Hin­ter­grund ver­wun­dert es we­ni­ger, dass in der Zi­vil­ge­sell­schaft das Be­wusst­sein im Hin­blick auf die ef­fek­ti­ve Um­set­zung der Ver­pflich­tun­gen aus der Schutz­ver­ant­wor­tung fehlt, so­lan­ge auch in of­fi­zi­el­len Stel­len die Norm nicht als zen­tra­les Ele­ment der Au­ßen­po­li­tik ver­stan­den wird.

Zum an­de­ren er­scheint es ver­ständ­lich, dass ein Ein­satz von Sol­da­ten mehr Ent­rüs­tung auf­wirft als der Nicht-Ein­satz. Ei­ne De­mons­tra­ti­on für den Ein­satz von deut­schen Sol­da­ten in Sy­ri­en er­scheint nur schwer vor­stell­bar. Den­noch, nach der Auf­de­ckung der Mas­sa­ker in Bos­ni­en und Ru­an­da in den 90er Jah­ren wur­de die Em­pö­rung über das Nicht-Han­deln der west­li­chen Staa­ten in der Zi­vil­be­völ­ke­rung laut­stark vor­ge­tra­gen. Auch wenn die­se Em­pö­rung im Mo­ment im Hin­blick auf den sy­ri­schen Bür­ger­krieg noch fehlt, so muss den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern den­noch die Ver­bin­dung der For­de­rung „Nie wie­der Ausch­witz“ mit der Um­set­zung der Schutz­ver­ant­wor­tung, not­falls auch mit mi­li­tä­ri­schen Mit­teln, ver­mit­telt wer­den.

Ei­ne stär­ke­re Ver­an­ke­rung der Schutz­ver­ant­wor­tung in der Zi­vil­ge­sell­schaft wür­de da­zu füh­ren, dass Deutsch­land sei­ne au­ßen­po­li­ti­sche Po­si­ti­on stär­ker für die Durch­set­zung der An­er­ken­nung der Schutz­ver­ant­wor­tung in an­de­ren Staa­ten ein­setzt. Deutsch­land ver­passt im Mo­ment die Mög­lich­keit, sei­ne star­ke Rol­le im in­ter­na­tio­na­len Staa­ten­ge­fü­ge, die sich ins­be­son­de­re aus der Meis­te­rung der Wirt­schafts- und Fi­nanz­kri­se er­ge­ben hat, da­zu zu nut­zen, in Fra­gen des Men­schen­rechts­schut­zes ei­ne Vor­rei­ter­rol­le ein­zu­neh­men und ins­be­son­de­re bei Schwel­len- und Ent­wick­lungs­län­dern um Ver­trau­en für ei­ne Im­ple­men­tie­rung der RtoP zu wer­ben. Um hier Druck auf die Re­gie­rung auf­zu­bau­en, muss ein zi­vil­ge­sell­schaft­li­cher Dis­kurs über die Durch­set­zung der Schutz­ver­ant­wor­tung ge­führt wer­den.

Es wird Zeit, dass die deut­sche Zi­vil­be­völ­ke­rung aus ih­rer Le­thar­gie er­wacht und das wie­der ent­deck­te po­li­ti­sche Be­wusst­sein auch ge­gen die Ver­let­zung fun­da­men­ta­ler Men­schen­rech­te und Recht­s­prin­zi­pi­en ein­setzt.

Ju­li­an Röss­ler



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