RtoP in der Diskussion

Auf dem Weg zur na­tio­na­len Um­set­zung der Schutz­ver­ant­wor­tung: Deutsch­land braucht ei­ne RtoP-Ko­or­di­na­ti­ons­stel­le

 

 

Für ei­ne ef­fek­ti­ve na­tio­na­le Um­set­zung der Schutz­ver­ant­wor­tung be­nö­tigt Deutsch­land ei­ne RtoP­Ko­or­di­na­ti­ons­stel­le, die res­sort­über­grei­fend In­for­ma­tio­nen zu­sam­men­führt und po­li­ti­sche Ent­schei­dun­ge zu dro­hen­den Mas­sen­ver­bre­chen for­cie­ren kann. Die RtoP-Ko­or­di­na­ti­ons­stel­le soll­te ent­we­der im Kanz­ler­amt oder im Aus­wär­ti­gen Amt ge­schaf­fen wer­den und durch ei­ne aus Wis­sen­schaft und Zi­vil­ge­sell­schaft be­ste­hen­de Kom­mis­si­on be­ra­ten wer­den. Nach vie­len po­si­ti­ven Er­fah­run­gen in an­de­ren Län­dern soll­te auch Deutsch­land die bal­di­ge Schaf­fung ei­ner RtoP-Ko­or­di­na­ti­ons­stel­le als Teil der na­tio­na­len Um­set­zung der Schutz­ver­ant­wor­tung be­schlie­ßen.

 


War­um Deutsch­land ei­ne RtoP­Ko­or­di­na­ti­ons­stel­le braucht


Deutsch­land zählt no­mi­nell zu den stärks­ten Un­ter­stüt­zern der Schutz­ver­ant­wor­tung in­ner­halb der Ver­ein­ten Na­tio­nen. Ei­ne Stra­te­gie zur Um­set­zung der Re­s­pon­si­bi­li­ty to Pro­tect auf na­tio­na­ler Ebe­ne lässt bis­her je­doch auf sich war­ten. Oh­ne ei­ne In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung der
Schutz­ver­ant­wor­tung durch die deut­sche Po­li­tik wird ei­ne sys­te­ma­ti­sche Ver­hin­de­rung von Mas­sen­ver­bre­chen je­doch nicht mög­lich sein. Deutsch­land hat kein In­for­ma­ti­ons-, son­dern ein Hand­lungs­de­fi­zit. Aus die­sem Grund soll­te die Bun­des­re­gie­rung um­ge­hend ei­ne hoch­ran­gi­ge RtoP-Ko­or­di­nie­rungs­stel­le schaf­fen, die die Viel­zahl von RtoP-re­le­van­ten In­for­ma­tio­nen, die in­ner­halb der deut­schen Au­ßen-, Ent­wick­lungs­und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik vor­han­den sind, zu­sam­men­führt, ana­ly­siert so­wie ei­ne ko­hä­ren­te­re deut­sche Po­li­tik zur Ver­hin­de­rung von und Re­ak­ti­on auf Mas­sen­ver­bre­chen for­ciert. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka ha­ben be­reits An­fang 2012 ei­ne hoch­ran­gig be­set­ze Ko­or­di­nie­rungs­ein­heit für ei­ne res­sort­über­grei­fen­de und ef­fek­ti­ve Prä­ven­ti­on von und Re­ak­ti­on auf (po­ten­ti­el­le) Mas­sen­ver­bre­chen ein­ge­führt.1 Der­zeit gibt es in über 13 Län­dern welt­weit so­ge­nann­te „RtoP Fo­cal Points“, die sich auf na­tio­na­ler Ebe­ne dem The­ma an­neh­men und sich in­ter­na­tio­nal ver­net­zen. Das letz­te Tref­fen der Fo­cal Points mit 31 ver­tre­te­nen Län­de n fand im Jahr 2011 oh­ne ei­nen Re­prä­sen­tan­ten  us Deutsch­land statt. Die Schaf­fung ei­ner na­tio­na­len RtoP­Ko­or­di­nie­rungs­stel­le durch Deutsch­land ist da­her ein in­zwi­schen über­fäl­li­ger Schritt.

1 vgl. Ge­no­ci­de Alert Facts­heet zum Atro­ci­ties Preven­ti­on Board und der ame­ri­ka­ni­schen Stra­te­gie zur Prä­ven­ti­on von Mas­sen­ver­bre­chen

 

 

Ei­ne RtoP-Ko­or­di­na­ti­ons­stel­le soll­te die fol­gen­den Auf­ga­ben er­fül­len:


· In­for­miert die po­li­ti­sche Ent­schei­dungs­ebe­ne über dro­hen­de oder statt­fin­den­de Mas­sen­ver­bre­chen und Hand­lungs­op­tio­nen. Zu die­sem Zweck führt die Ko­or­di­na­ti­ons­stel­le al­le re­le­van­ten In­for­ma­tio­nen aus den ver­schie­de­nen Res­sorts der Bun­des­re­gie­rung zu der je­wei­li­gen Si­tua­ti­on zu­sam­men.

· Trägt Ver­ant­wor­tung für die res­sort­über­grei­fen­de Ko­or­di­na­ti­on zu al­len Si­tua­tio­nen, in de­nen Mas­sen­ver­bre­chen dro­hen oder statt­fin­den.

· Setzt sich ein für die Be­rück­sich­ti­gung der Schutz­ver­ant­wor­tung in der deut­schen Po­li­tik, u.a. durch Ver­an­ke­rung der Schutz­ver­ant­wor­tung in den wich­tigs­ten Stra­te­gie­do­ku­men­ten der Bun­des­re­gie­rung.

· Ver­leiht der Ver­hin­de­rung von Mas­sen­ver­bre­chen ein stär­ke­res po­li­ti­sches Pro­fil und stellt si­cher, dass das Kon­zept Ent­schei­dungs­trä­gern und Öf­fent­lich­keit be­kannt ist und ver­stan­den wird.

· Steht in re­gel­mä­ßi­gem Aus­tausch mit Ver­tre­tern von Mi­nis­te­ri­en, Bun­des­tag, For­schungs­in­sti­tu­tio­nen und Zi­vil­ge­sell­schaft.

· Ver­netzt sich auf eu­ro­päi­scher und in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne mit den RtoP Fo­cal Points an­de­rer Staa­ten so­wie den Son­der­ge­sand­ten des VN-Ge­ne­ral­se­kre­tärs für die Schutz­ver­ant­wor­tung und für die Ver­hin­de­rung von Völ­ker­mord.

· Un­ter­stützt in en­ger Zu­sam­men­ar­beit mit dem Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um die Ent­wick­lung ei­ner Stra­te­gie für Deutsch­lands Ein­satz ge­gen die Straf­lo­sig­keit schwers­ter Ver­bre­chen und wirbt für ei­ne wei­te­re Stär­kung des In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hofs.

 



In­sti­tu­tio­nel­le An­bin­dung und Aus­ge­stal­tung


Die RtoP-Ko­or­di­na­ti­ons­stel­le soll­te über ein aus­rei­chen­des Maß an Au­to­ri­tät ver­fü­gen, um die Ent­schei­dungs­trä­ger der re­le­van­ten Mi­nis­te­ri­en zu­sam­men­ru­fen so­wie Er­geb­nis­se und Emp­feh­lun­gen di­rekt an die po­li­ti­sche Füh­rung wei­ter­ge­ben zu kön­nen. Aus die­sem Grund soll­te die Stel­le ent­we­der im Bun­des­kanz­ler­amt oder, bei aus­rei­chen­der Aus­stat­tung, im Aus­wär­ti­gen Amt an­ge­sie­delt sein. Die Ko­or­di­na­ti­ons­stel­le soll­te sich un­mit­tel­bar und aus­schlie­ß­lich mit Fra­gen der Um­set­zung der Schutz­ver­ant­wor­tung be­fas­sen. Die Lei­tung soll­te min­des­tens auf Ebe­ne ei­nes Re­fe­rats­lei­ters lie­gen, der um­fas­sen­de Kennt­nis­se und Er­fah­run­gen mit der Ar­beits­wei­se der deut­schen Re­gie­rungs-Bü­ro­kra­tie hat.

Wich­tig ist zu­dem mei­ne aus­rei­chen­de Aus­stat­tung der Ko­or­di­na­ti­ons­stel­le mit fi­nan­zi­el­len und per­so­nel­len Res­sour­cen. Die fach­li­che Un­ter­stüt­zung und Zu­ar­beit könn­te zum Bei­spiel im Rah­men ei­ner ex­ter­nen In­sti­tu­ti­on wie dem Deut­schen In­sti­tut für Men­schen­rech­te ge­leis­tet wer­den. Er­fah­run­gen aus an­de­ren Län­dern ha­ben zu­dem ge­zeigt, dass ei­ne sol­che Stel­le durch ei­ne Kom­mis­si­on be­ste­hend aus Ver­tre­tern der Zi­vil­ge­sell­schaft und Wis­sen­schaft be­ra­ten wer­den soll­te. Durch re­gel­mä­ßi­ge Tref­fen sollm ein kon­ti­nu­ier­li­cher Aus­tausch zu re­le­van­ten Si­tua­tio­nen er­mög­licht und ei­ne ko­hä­ren­te­re Po­li­tik zur Ver­hin­de­rung von Mas­sen­ver­bre­chen er­reicht wer­den.
Ver­tre­ter der Ko­or­di­na­ti­ons­stel­le soll­ten an den Sit­zun­gen des Res­sort­krei­ses zi­vi­le Kri­sen­prä­ven­ti­on, und der re­le­van­ten Ar­beits­krei­se teil­neh­men. Ei­ne In­te­gra­ti­on in den Res­sort­kreis zi­vi­le Kri­sen­prä­ven­ti­on ist je­doch nicht sinn­voll: Zum ei­nen um­fasst die Schutz­ver­ant­wor­tung prä­ven­ti­ve und re­ak­ti­ve Maß­nah­men, die ma­ß­geb­lich über die zi­vi­le Kri­sen­prä­ven­ti­on hin­aus­ge­hen kön­nen. Zum an­de­rem be­zieht sich die RtoP auch auf Si­tua­tio­nen, die au­ßer­halb von be­waff­ne­ten Kon­flik­ten statt­fin­den kön­nen (sie­he Ho­lo­caust, Kam­bo­dscha). Ei­ne Um­set­zung der RtoP un­ter dem Ge­sichts­punkt der zi­vi­len Kon­flikt­prä­ven­ti­on wür­de ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Ver­en­gung be­deu­ten. Die Schutz­ver­ant­wor­tung muss je­doch als um­fas­sen­des Kon­zept ver­stan­den wer­den, das glei­cher­ma­ßen auf in­ter­na­tio­na­ler und na­tio­na­ler Ebe­ne um­ge­setzt wer­den muss.



Wei­ter­füh­ren­de In­for­ma­tio­nen


· Über­sicht zum Atro­ci­ties Preven­ti­on Board und der ame­ri­ka­ni­schen Stra­te­gie zur Prä­ven­ti­on
von Mas­sen­ver­bre­chen

· Be­schrei­bung der In­itia­ti­ve zu „R2P Fo­cal Points“ des Glo­bal Cent­re for R2P (auf Eng­lisch)
· Zu­sam­men­fas­sung des Work­shops der R2P Fo­cal Points in 2011 (auf Eng­lisch)

Hier das ak­tu­el­le Po­li­cy Pa­per von Ge­no­ci­de Alert:

pdf


Down­load pdf. Po­li­cy Brief RtoP Ko­or­di­na­tor


Hier zum of­fe­nen Brief an Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Wes­ter­wel­le von Ge­no­ci­de Alert, Hu­man Rights Watch und der Ge­sell­schaft für be­droh­te Völ­ker.


Down­load pdf. Of­fe­nen Brief an Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Wes­ter­wel­le



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